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Ladies and Gentlemen,
Willkommen an Bord der prächtigen,
aber sinkenden Galeere des Printjournalismus.

Ein Text, der in einem digitalen Medium so beginnt, ist „verlässliche Erweckung von Aufmerksamkeit“.(1) Damit hat der Journalist Constantin Seibt schon mal eine seiner 15 Thesen zum Journalismus im 21. Jahrhundert mit Leben gefüllt, die seinen neuen Blog Deadline beim Schweizer Tages-Anzeiger eröffnen.

Der Schweizer wäre nicht der erste, der den guten alten Zeitungs- bzw. Magazinjournalismus untergehen sieht. Provozierend nimmt er die Spezies des Printjournalisten gleich mit. Denn: „Printjournalisten sind längst – wie alternde Schlagersänger – grösstenteils in der Seniorenunterhaltung tätig.“(1) Pointiert plädiert auch er letztlich für den mutigen Qualitätsjournalismus und fügt der – demnach nicht nur hierzulande geführten – Debatte um dessen Zukunft die bemerkenswerte Eigenschaft des Stils hinzu: „Stil ist … eine der grossen unerschlossenen Ressourcen im Journalismus.“(1)

Warum, fragt Seibt, sollte gerade in der Epoche der Sparprogramme Zeit, Geld und Planung in Stil verschwendet werden? „Weil Stil ein eleganter, energischer Weg ist, die drei zentralen Probleme im heutigen Journalismus gleichzeitig anzugehen: die angeschlagene Glaubwürdigkeit, die in Routine erstarrten Redaktionsstrukturen, das alternde Publikum.“(1) Stil sei im Kern Haltung, das eine wie das andere keine einfache Sache, aber aller Mühen wert, weil stets faszinierend. Der Datenträger für Produkt gewordene Haltung – nämlich Stil – sei irrelevant, da die Gesetze der Aufmerksamkeit für Papier wie für Tablets gelten.

Gute Gedanken aus Heidiland, wir freuen uns auf mehr. Zumal das Blog eines für Profis werden soll, das sich mit den täglichen Hürden des Handwerks beschäftigt: „Wie Pointen gesetzt, Dialoge geschliffen, Verrisse tödlich, Lob unpeinlich, komplexe Fakten amüsant und Kolumnen nicht bieder wirken.“(2) Eines könne sich auf dem Marktplatz des Eselhändler, Marktschreier, Philosophen, Prediger, Messerverkäufer und Scharlatane schließlich niemand leisten: Unauffälligkeit.

Constantin Seibt: 15 Thesen zum Journalismus im 21. Jahrhundert.
Blog Deadline, tagesanzeiger.ch, o2/o5/2o12
2 Alexander Becker: Stil, die letzte große, ungenutzte Ressource.
Meedia, o2/o5/2o11

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