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„Je nachdem, wen Sie fragen, was Meditation ist oder wozu man meditiert, werden Sie eine andere Antwort erhalten. Einige sagen: Meditation ist Nichtstun, zumindest sieht es so aus. Für andere ist Meditation keine Technik, sondern eine Art zu sein“, schreibt der amerikanische Molekularbiologe, Stressforscher, Verhaltensmediziner und Meditationslehrer Prof. em. Dr. John Kabat-Zinn, in seinem Buch Zur Besinnung kommen [1].

Das in Religionen verankerte spirituelle Prinzip ist längst keine suspekte Beschäftigung für Randgruppen mehr, sondern gehört mittlerweile auch hierzulande zum Zeitgeist. Verpackt in komplementärmedizinische Programme wie „Mindfullness-Based Stress Reduction“ (MBSR) oder „Mindfullness-Based Cognitive Therapy“ (MBST) wird die Achtsamkeitsbasierte Meditation in Universitätskliniken, Krankenhäusern und Gesundheitszentren gelehrt.

Für Kabat-Zinn, den Gründer des Center for Mindfulness in Medicine, Health Care and Society (CFM) an der University of Massachusetts Medical School und des MBSR-Programms, ist Meditation und insbesondere die Achtsamkeitsmeditation eine weitere Form des Selbstgesprächs. „Sie können Ihr Innerstes aufschließen und einen Bewusstseinszustand der Ruhe, klaren Wahrnehmung und des nichturteilenden Gewahrseins im Augenblick erreichen – jenen Bereich, den die alten chinesischen Daoisten das offene, wache Nichtstun nennen.“

Freundlichkeit, Respekt, Wohlwollen, Präsenz

Ende 1970 hat Kabat-Zinn in Massachusetts begonnen, die Wirkungen der Achtsamkeitsmeditation bei chronisch Kranken zu untersuchen. Grundelemente der Achtsamkeit sind Freundlichkeit, Respekt, Wohlwollen, Präsenz, Großzügigkeit – archaische Werte, die wie aus einer anderen Welt anmuten. Seit 1995 wird sein MBSR-Programm am CFM eingesetzt, um vor allem Menschen zu helfen, besser mit chronischem Stress, Depression und Angststörungen umgehen zu können. MBSR fördert vor allem die Fähigkeit zur Selbstfürsorge.

Achtsamkeits- und Transzendentale Meditationsformen sind Methoden der bewussten Tiefenentspannung, bei der die Konzentration nach innen auf einen sich wiederholenden Vorgang gerichtet ist, sei es auf die Atmung, ein Wort, einen Satz oder Spruch. Der Fokus auf solche Wiederholungen ist dabei nur ein Hilfsmittel, um das sympathische Nervensystem zu beruhigen und den Kopf vom „inneren Geschwätz“ respektive den Körper von Spannungen zu befreien und so in einen Zustand der völligen Ruhe zu gelangen.

Harte Arbeit

„Das ist harte Arbeit“, so Kabat-Zinn, denn es sei nicht leicht, im täglichen Strom der Ereignisse oder wenn das Leben mal wieder verrückt spielt, regelmäßig auch nur eine kurze Zeit am Stück innezuhalten, sich einfach nur eine Weile allein hinzusetzen, still zu sein und die Gedanken, Sorgen, Verlangen, Leiden und sämtliche andere Bewusstseinszustände erst zu akzeptieren und dann nicht wertend loszulassen. „Sei leer, sei still. Beobachte einfach, wie alles kommt und geht“, hat es der chinesische Philosoph Laotse (6 Jh. v. Chr.) formuliert.

Diese innere Ausrichtung wird in der Psychotherapie manchmal als „radikale Akzeptanz“ bezeichnet. Sie zu erreichen ist nicht einfach, besonders wenn das, was geschieht, nicht unseren allgegenwärtigen Erwartungen, Wünschen und Phantasien entspricht. Deshalb, so Kabat-Zinn, ist Meditation nichts für Feiglinge: „Meditieren ist nicht das, was Sie denken. Es geht weder darum, einen Schalter umzulegen und sich irgendwohin zu katapultieren, noch bestimmte Gedanken zu pflegen und andere zu vermeiden oder gar darum, sich zum Friedlich- oder Entspanntsein zu zwingen. Es geht überhaupt nicht ums Denken. Es geht darum, einfach zu sein. Es geht um das Nicht-Festhalten und daraus folgend um die Bereitschaft, unter allen auftretenden Umständen angemessen zu handeln.“

MBSR wird seit vielen Jahren regelmäßig auf Evidenz untersucht. Nun hat eine Arbeitsgruppe der Johns Hopkins University School of Medicine, Baltimore, diese und andere Meditationsformen wie die Mantra-basierte Transzendentale Meditation in einer Metaanalyse überprüft [2].

Gegen Ängste, Depressionen und Schmerzen

„Regelmäßige Achtsamkeitsmeditationen können helfen, Ängste und Depressionen abzubauen und Schmerzen zu lindern“, lautet das Kernergebnis. Eine geringe Wirksamkeit haben die Autoren auch auf die allgemeine Bewältigung von Stress und die Lebensqualität ermittelt – nicht aber auf Variablen wie Substanzmissbrauch (Alkohol, Nikotin), Schlafstörungen, ungesunde Essgewohnheiten und Gewichtsprobleme. Für die Transzendentalen Meditationsformen wurden keine vergleichbaren Wirkungen festgestellt.

Nach umfangreicher Literaturrecherche wurden die Ergebnisse von insgesamt 47 Kurz- und Langzeitstudien (Dauer: 3 Wochen bis 5,4 Jahre) von unterschiedlicher Qualität und mit 3.515 Patienten >18 Jahre (18 bis 206 Patienten pro Studie) zusammengefasst. 15 Studien hatten Patienten mit Depression, Angsterkrankungen, Stress-Symptomen und Schlaflosigkeit untersucht; 5 Studien hatten Raucher und Alkoholiker, 5 Studien chronische Schmerzpatienten und 16 Studien Patienten mit verschiedenen Diagnosen aufgenommen, darunter Brustkrebs, Bluthochdruck, COPD, Diabetes, HIV.

Die größten Effektstärken ermittelten die Autoren für Angsterkrankungen, geringe bis mittlere Effekte zeigten sich für Depressionen und Schmerz.

„Die Ergebnisse sind nicht umwerfend, aber die kleinen Fallzahlen der einzelnen Studien und die heterogenen Indikationen lassen letztlich keine guten und vor allem keine endgültige Aussagen zu“, sagt Prof. Dr. Benno Brinkhaus, kommissarischer Direktor des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der Charité sowie Leiter der Hochschulambulanz für Naturheilkunde am Standort Mitte.

Im Gespräch nennt Brinkhaus die Tatsache als problematisch, dass viele nicht immer vergleichbare Studien in Reviews und Metaanalysen zusammengefasst würden. „Diese haben zwar die höchste Evidenz, aber man muss die große Heterogenität immer auch kritisch als Limitation sehen. Die Frage ist unklar, ob es besser gewesen wäre, wenn ausschließlich Studien aufgenommen worden wären, in denen nur Patienten mit Stress-assoziierten Erkrankungen und nicht auch Patienten mit Asthma, Fibromyalgie oder HIV eingeschlossen worden wären“, so Brinkhaus.

Die Expertise des Meditationslehrers

In einem Gastkommentar zu der Analyse beschäftigen Prof. Allan H. Goroll, Harvard Medical School und Massachusetts General Hospital, noch andere Aspekte: „Die Meditation nimmt aufgrund ihrer Historie zwar eine Sonderstellung in der Komplementärmedizin ein. Doch der bescheidene Nutzen, den Studien zeigen, deren Methodik zudem nicht immer wissenschaftlich ist, wirft die Frage auf, warum Meditation im Besonderen und komplementäre Maßnahmen im Allgemeinen so populär geworden sind – vor allem unter den gut ausgebildeten und einflussreichen Mitgliedern dieser Gesellschaft. Ist es der Wunsch, einen Alltag wieder selbstbestimmt strukturieren und kontrollieren zu können, der sich scheinbar immer weniger bewältigen lässt?“

Goroll hält es für wichtig, solide wissenschaftliche Metaanalysen wie die vorliegende einer breiten Öffentlichkeit zugänglich und zum Gegenstand von Gesprächen zwischen Ärzten und jenen Patienten zu machen, die begeistert und unkritisch unvalidierte komplementäre Maßnahmen in ihren Alltag und die Behandlung ihrer Krankheiten integrieren wollen.

Goyal und Kollegen wiederum betonen die Notwendigkeit weiterer Studien, die vor allem drei Faktoren überprüfen sollten: Die Expertise des Meditationslehrers, den zeitlichen Übungsumfang und die Umsetzungsmöglichkeiten in den Alltag. Davon hänge der Erfolg der Achtsamkeitsmeditation ebenso ab wie von Sozialstatus, Bildung und Spiritualität. „Historisch ist Meditation nun mal keine Therapie bei Gesundheitsproblemen, sondern eine Schulung des Geistes, um einen Bewusstseinszustand der völligen Ruhe zu erreichen“, so die Autoren.

Brinkhaus kann nur zustimmen: „Ärzte sollten in der Lage sein, mit potenziellen Patienten über die Bedeutung von Meditation zu sprechen. Die Rolle der Meditation und auch ihre Grenzen müssen klar dargestellt werden.“

Literatur:

[1] Kabat-Zinn J: Zur Besinnung kommen. Die Weisheit der Sinne und der Sinn der Achtsamkeit in einer aus den Fugen geratenen Welt. Arbor Verlag, 2006
[2] Goyal M et al: JAMA Intern Med (online) 6. Januar 2014

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