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Wenn ADHS-Kinder erwachsen werden, verschwinden ihre typischen Probleme nicht über Nacht. Viele wissen nicht, wie ihnen geschieht.

18 – volljährig! Bevor auch gesunde junge Erwachsene schmerzhaft erfahren, dass das Leben eine Baustelle ist, wissen Heranwachsende mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) es längst. Ihre typischen Probleme verschwinden nicht über Nacht, sondern sorgen auch mit fortschreitendem Alter für erhebliche Beeinträchtigungen: Der erwachsen gewordene Zappelphilpp ist nicht selten eine von innerer Unrast getriebene Persönlichkeit auf der Suche nach dem ultimativen Kick. Etwa 20% der Suchtkranken haben eine ADHS, die meist nicht erkannt und somit nicht behandelt wird.

Die Häufigkeit der sogenannten adulten ADHS wird mit 1 bis 6% der Gesamtbevölkerung angegeben, in Deutschland mit 3,1%. Legt man zugrunde, dass 5 bis 10% (m:w = 3:1) aller Kinder betroffen sind, so bedeutet dies, dass etwa der Hälfte aller Betroffenen im Erwachsenenalter weiterhin ADHS-Symptome (siehe Tabelle: Wender-Utah-Kriterien) haben.

Allerdings können sich die Kardinalsymptome wandeln – von der meist äußeren Zappeligkeit in innere Unruhe und quälende Getriebenheit. Obendrein können sie durch inzwischen erworbene Kompensationsstrategien und andere auftretende psychische Erkrankungen vollständig maskiert sein. Die Diagnose und das Management der adulten ADHS stellen somit auch für den Facharzt eine Herausforderung dar.

„Die Kluft zwischen Kindheit und Erwachsenenalter ist schwierig zu schließen“, sagt Dr. Matthias Bender, Direktor der Vitos Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Hadamar und Weilmünster, im Gespräch mit Andrea S. Klahre.

Herr Dr. Bender, kennen erwachsene ADHSler Langeweile?

Dr. Matthias Bender: Die Langeweile ist vor allem in der Adoleszenz ein sehr relevantes Phänomen, aber im Vergleich zu anderen Primäraffekten wie Scham, Schuld oder Angst unspezifisch und viel zu wenig beforscht. Neuere Studien zeigen einen deutlichen Zusammenhang von AD(H)S und Langeweile. Demnach gibt es ein neuronales Netzwerk, das Default-Mode-Network (DMN), das besonders bei Langeweile bzw. Monotonie aktiv ist und geradezu ausgeknipst werden muss, um Aufgaben konzentriert zu erledigen. Das DMN ist auch aktiv, wenn wir produktiv gelangweilt sind – also dösen, tagträumen, vielleicht auch kreativitätsfördernd abschweifen.

ADHS-Betroffene können dieses DMN nicht wirksam ausschalten, wenn sie auf eine Aufgabe fokussieren müssen. Hier wirken starke Belohnungen in Form von stimulierenden Reizen ähnlich förderlich wie Psychostimulantien.

Ist die Sucht nach Neuem, nach dem Thrill („novelty seeking“) eine Eigenschaft, die Erwachsene mit ADHS besonders charakterisiert, Frauen wie Männer?

Zumindest ist es typisch für die reizoffene wie auch nach Reizen suchende Gruppe mit hohem Anteil an novelty seeking. Die kurze, gelegentlich auch impulsiv aufkeimende Faszination für ein neues Thema erlahmt allerdings, sobald Konstanz und Disziplin gefordert sind. So ist die Ausrüstung für die neue Sportart schnell gekauft, verschwindet aber nach der dritten Trainingsstunde rasch wieder im Keller. Generell haben die Betroffenen große Probleme, Begonnenes konsequent zu Ende zu führen, bevor sie Neues beginnen. Das heißt, es mehren sich die offenen Baustellen, vieles gelingt nur noch auf den letzten Drücker.

Etliche suchen erst Hilfe, wenn sie im Chaos unterzugehen drohen.

Dies ist ein Hintergrund für das bei erwachsenen Frauen wie Männern mit ADHS häufig bestehende Phänomen der Desorganisation. Die Auswirkungen in verschiedenen Lebensbereichen sind gravierend, sie betreffen die Ausbildung und Arbeit ebenso wie das Familienleben und die Partnerschaft. Etliche suchen erst Hilfe, wenn sie im Chaos unterzugehen drohen.

Deshalb hat es sich für die Diagnostik der adulten ADHS bewährt, neben den Kardinalsymptomen Aufmerksamkeitsstörung, Impulsivität und Hyperaktivität die Dimensionen Desorganisation, Affektlabilität, Temperamentsstörung, emotionale Hyperreagibilität, also der Umgang mit Belastungen, nach den Utah-Kriterien anzuwenden.

Wissen die Betroffenen von der Diagnose, wurde sie in der Kindheit bereits gestellt?

Hier gilt, wie so oft in der Medizin, die gute alte Drittelregel. Etwa ein Drittel derjenigen, die in unsere Ambulanz für adulte ADHS kommen, sind irgendwann in Kindheit und Jugend einmal vordiagnostiziert worden und bitten um Wiederaufnahme bzw. Weiterbehandlung ab dem Erwachsenenalter. Von den Zweidritteln, die erst im Erwachsenenalter diagnostiziert werden, hat sich schon die Hälfte mit dem Thema auseinandergesetzt – über die Diagnose ihrer Kinder.

Und der Rest weiß nicht, wie ihm geschieht …

So ist es wohl. Immerhin haben etwa 20% der Suchtkranken eine ADHS, die aber meist nicht erkannt und somit nicht behandelt wird.

Sucht als eine Begleiterkerankung. Was bedeuten Begleiterkrankungen beziehungsweise Komorbiditäten für die Biographie?

Bemerkenswert sind die Unterschiede zwischen den Prägnanztypen. Das eher bei Mädchen/Frauen verbreitete ADS ist geprägt von einer Selbstwertproblematik, entstanden durch die Verarbeitung vieler Misserfolge, das Anderssein in der Peergroup, Angststörung und Depressionen. Beim Vollbild des hyperaktiven und impulsiven Typus kommt es häufiger zu dissozialen Verhaltensweisen und Straffälligkeit sowie zu Substanzmissbrauch.

Aufgrund welcher Umstände gerät ein Erwachsener denn überhaupt in die diagnostische Mühle?

Die Patienten, die eigeninitiativ in die Ambulanz kommen, haben meist mit krisenhaft zugespitzten Lebenssituationen zu kämpfen, die sie aufgrund ihrer ADHS-Symptomatik nicht ohne Hilfe überwinden können. Das betrifft zum Beispiel Partnerschafts- oder familiäre Konflikte, Arbeitsplatzprobleme, Schwierigkeiten zu einem Schul-, Studien- oder Berufsabschluss zu gelangen.

Bei anderen findet sich eine lange Reihe frustraner Psychotherapieversuche bei unklarer Diagnose, bis jemand an die Differentialdiagnose ADHS denkt und nicht selten dann erst eine effiziente Behandlung beginnt. In jedem Fall ist eine gezielte biographische Anamnese erforderlich, wobei es eine conditio sine qua non für die Feststellung einer adulten ADHS ist, dass entsprechende Auffälligkeiten in der Kindheit zu eruieren sind. Hierbei können gute validierte Fragebögen hilfreich sein.

In der Kindheit gibt es gerade im Bereich Aufmerksamkeit Schnittstellen zu anderen Diagnosen, zum Beispiel zur Fetalen Alkoholspektrumsstörung (FASD). Was bedeutet das für die Diagnostik und für eine potenzielle Falschdiagnose?

Im Hinblick auf kognitive und auch Teilleistungsstörungen müssen selbstverständlich Differentialdiagnosen angestellt werden – beziehungsweise wie bei der FASD äthiopathogenetische Überlegungen.

Kann die Diagnose allein schon einen therapeutischen, im Sinne von entlastenden Wert haben? Was kann die Psychoedukation hier leisten?

Die Psychoedukation fördert die Behandlungspartnerschaft, folglich sollten die Aufklärungsinhalte mit dem Patienten gemeinsam erarbeitet werden. Ausgehend von seinem Störungserleben, seinem subjektiven Krankheitsmodell und seinen Erfahrungen mit insuffizientem und gelungenem Coping, hilft dieser Ansatz, die eigene Vulnerabilität zu akzeptieren. Immer geht es um Hilfe bei der Bewältigung der Diagnose, aber auch um die salutogenetischen Aspekte.

Ab dann ging es aufwärts – vor allem mit meinem angeknacksten Selbstwertgefühl.

Vor allem die Ressourcen sind gut zu nutzen. Die meisten ADHSler sind kreativ, lassen sich auf Neues ein, besitzen Einfühlungsvermögen und soziale Kompetenz. Für viele ist vor allem in der psychoedukativen Gruppe die Einordnung ihrer lebenslang erfahrenen Handicaps sehr entlastend, wir können sie oft erst dadurch gezielt angehen. Neben der Medikation ist das Coaching unserer Erfahrung nach eine effiziente Methode bei den meist sehr motivierten, dankbaren und complianten Patienten.

Zitat einer Patientin aus einem Evaluationsbogen: „Das Wissen um ADHS hat mir ein akzeptierendes Integrieren meiner Handicaps ermöglicht: Ab dann ging es aufwärts – vor allem mit meinem angeknacksten Selbstwertgefühl. In der Gruppe fühlte ich mich erstmals verstanden mit meinen Beschwerden und nicht einfach als chaotisch, schusselig, unfähig, willensschwach, undiszipliniert abgestempelt. Mit der Medikation und Psychoedukation konnte ich erstmals meine Schwierigkeiten gezielt und erfolgreich angehen. Wollen und Können passen jetzt zusammen.“

Der Angehörige als Co-Therapeut: Sind die Erfolge messbar?

Wie bei vielen seelischen Erkrankungen und deren Auswirkungen tragen die Angehörigen oft die Hauptlast. Psychoedukative Interventionen entlasten sie von Schuld-, Scham- und Insuffizienzgefühlen. Hierzu gehören bei uns neben Angehörigengruppen und Familiengesprächen auch regelmäßige Trialogforen mit den Betroffnen. Zusammen lässt sich zum einen die emotionale Anspannung und ständige Be- und Entwertung in der Familienatmosphäre reduzieren, zum anderen werden die Angehörigen zu Beteiligten an der Therapie. Die Effizienz im Kindes- und Jugendalter ist belegt, die Evidenz im Erwachsenenalter bislang wissenschaftlich leider nicht ausreichend untersucht. Der positive Effekt für uns in der Praxis ist aber fraglos.

Herr Dr. Bender, herzlichen Dank für das Gespräch.


ADHS im Erwachsenenalter: Die Wender-Utah-Kriterien
Für eine sichere Diagnose im Erwachsenenalter müssen neben den Kernsymptomen A-C zwei der unter 1-4 aufgeführten Charakteristika vorliegen:

A Aufmerksamkeitsstörung
_ Unvermögen, Gesprächen aufmerksam zu folgen
_ Erhöhte Ablenkbarkeit
_ Schwierigkeiten, sich auf schriftliche Aufgaben zu konzentrieren
_ Vergesslichkeit
_ Häufiges Verlieren oder Verlegen von Gegenständen

B Impulsivität
_ Dazwischenreden, Unterbrechen anderer im Gespräch
_ Ungeduld
_ Impulsiv ablaufende Einkäufe
_ Unvermögen, Handlungen im Verlauf zu protrahieren, ohne dabei Unwohlsein zu empfinden

C Motorische Hyperaktivität
_ Gefühl innerer Unruhe
_ Unfähigkeit, sich zu entspannen
_ Unfähigkeit, sitzende Tätigkeiten durchzuhalten
_ Ständiges Gefühl der Getriebenheit
_ Dysphorische Stimmungslage bei Inaktivität

  1. Desorganisation
    Aktivitäten werden unzureichend geplant oder organisiert (Arbeit, Ausbildung, Haushaltsführung etc.)
    Aufgaben werden häufig nicht zu Ende gebracht; Betroffene wechseln planlos von einer Aufgabe zur nächsten
    Unsystematische Problemlösestrategien
    Schwierigkeiten in der zeitlichen Organisation und Unfähigkeit, Zeitpläne oder Termine einzuhalten
  1. Affektlabilität
    Beginn vor der Adoleszenz
    Wechsel zwischen euthymer, depressiver Stimmung und leichter Erregung
    Depressive Stimmungslage wird meist als Gefühl der Unzufriedenheit oder Langeweile beschrieben
    Stimmungswechsel dauern Stunden oder maximal Tage
    Kein ausgeprägter Interessenverlust oder somatische Begleiterscheinungen
    Stimmungswechsel meist reaktiver Art
  1. Temperamentsstörung
    Andauernde Reizbarkeit, auch aus geringem Anlass
    Verminderte Frustrationstoleranz
    Wutausbrüche (eher kurz andauernd)
    Mangelhafte Affektkontrolle wirkt sich nachteilig auf die Beziehungen zu Mitmenschen aus
  1. Emotionale Hyperreagibilität
    Unfähigkeit, adäquat mit alltäglichen Stressoren umzugehen
    Überschießende oder ängstliche Reaktionen
    Patienten fühlen sich schnell „belästigt“ oder gestresst

 

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