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„Alles, was vorher normal war, war auf einmal verschwunden.“ In der Welt spricht Henning Mankell über die ultimative Katastrophe seines Lebens – Krebs – und über die Hoffnung, den Dämon beherrschen zu können. In der Tat: Die Verbesserungen der Diagnostik und Therapien von Krebserkrankungen auf der einen Seite sowie die demographische Entwicklung auf der anderen Seite führen dazu, dass künftig immer mehr Menschen mit der Diagnose wie mit einer chronischen Krankheit leben werden. Was fehlt, ist Fachpersonal.

In Deutschland werden bis 2020 etwa 20% mehr Männer und etwa 10% mehr Frauen an einem Tumor erkranken – bei einer geringfügig abnehmenden Gesamtbevölkerungszahl von derzeit 81 Millionen auf etwa 79 Millionen. In Österreich werden es 60-80% mehr Menschen sein. Allerdings hat Österreich nur etwa halb so viele Einwohner wie Nordrhein-Westfalen.

Die Gesundheitssysteme stehen vor enormen Herausforderungen hinsichtlich der Anforderungen an die spezialisierte Versorgung und die Zahl der Fachärzte und Pflegekräfte. Wie lässt sich die Versorgung im stationären und ambulanten Bereich sicherstellen? Wie viele Fachärzte und Pflegekräfte werden benötigt? Mit diesen Fragestellungen sind die Studien „Future Demands“ für Deutschland und Österreich im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie (DGHO) und der Österreichischen Gesellschaft für Hämatologie & Medizinische Onkologie (OeGHO) erstellt worden. Erste Ergebnisse wurden anlässlich der Jahrestagung 2014 der Gesellschaften in Hamburg vorgestellt.

Um Szenarien für das Jahr 2020 prognostizieren zu können, wurde die Bevölkerungsentwicklung analysiert und mit Hochrechnungen von Neuerkrankungen sowie Prävalenzen der häufigsten Krebserkrankungen verknüpft. Laut der Autoren des deutschen Gutachtens fehlten bisher systematische wissenschaftliche Untersuchungen, die diese beiden Entwicklungen zusammen betrachten und daraus Schlüsse für die Notwendigkeiten einer künftigen onkologischen Versorgung ziehen.

Zunahme beim Alterskrebs, längere Überlebenszeit

Einige Ergebnisse für Deutschland: Der Anteil der Bevölkerung ab 60 und ab 80 Jahren wird steigen, vor allem im Osten und Norden. Gleichzeitig besteht ein Trend zur Steigerung der Neuerkrankungen bei den Krebsarten, die vermehrt im Alter und bei Männern auftreten. Beispiele sind Magen-, Darm-, Bauchspeicheldrüsen-, Prostata-, Harnblasen- und nicht zuletzt Lungenkrebs, den Christoph Schlingensief in seinem Tagebuch einer Krebserkrankung als „Dreckskerl“ bezeichnet hatte. Bei den über 60-jährigen Frauen ist eine relativ hohe Zunahme bei Magen-, Darm-, Bauchspeicheldrüsenkrebs und Leukämien zu erwarten.

Parallel verlängert sich die Überlebenszeit. Die Menschen leben länger mit ihrer Diagnose, in immer mehr Fällen gelingt die Heilung, immer häufiger wird Krebs zu einer chronischen Erkrankung. Für Deutschland wurde hochgerechnet, dass bis 2020 rund 160.000 Krebspatienten pro Jahr mehr zu versorgen sind.

Bestmöglich heißt das, was der Patient erwartet,
damit er sich gut behandelt fühlt

Bernhard Wörmann

„Der Bedarf an diagnostischen, therapeutischen und betreuerischen Leistungen für Krebspatienten nimmt somit deutlich zu, und das in allen Bundesländern“, sagte Prof. Dr. Bernhard Wörmann, Medizinische Klinik für Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie an der Charité, Berlin. „Nicht nur steigende Kosten für Infrastruktur und Therapien, sondern vor allem die knappen personellen Ressourcen dürften zu Engpässen im Versorgungssystem führen.“ Speziell in Deutschland gäbe es ein deutliches Stadt-Land-Gefälle. „Es ist in Berlin schwierig, keinen Onkologen zu treffen. Es ist in Mecklenburg schwierig, einen Onkologen zu treffen,“ so Wörmann. „Wenn 50 Kilometer von der Großstadt entfernt kein Onkologe zu finden ist, müssen die Fachgesellschaften künftig sicherstellen, dass ein 80-Jähriger so versorgt wird, als würde er in der Stadt leben.“

Onkologen braucht das Land

Das bedeutet allein für die Bereiche Hämatologie und Onkologie, dass rund ein Drittel mehr Fachärzte benötigt wird. Zusätzlich werden 2020 zwischen 22 und 30% der 2010 aktiven Ärzte mit ontologischen Schwerpunktbezeichnungen (z. B. Gynäkologie, Gastroenterologie) 65 Jahre oder älter sein und mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr in der stationären bzw. ambulanten onkologischen Versorgung tätig sein. Entsprechend erhöht sich der Bedarf an kompetenten Medizinern nochmals.

„Wenn wir in Deutschland die flächendeckende hämatologisch-onkologische Versorgung langfristig sicherstellen wollen, müssen alle – Gesundheitspolitik, Fachgesellschaften und Ärztekammern – große Anstrengungen unternehmen, um den Nachwuchs zu motivieren, dieses wirklich schwierige und wirklich anspruchsvolle Fach auf sich zu nehmen“, konstatierte Wörwag.

Ein fertiges Konzept gebe es nicht – auch nicht für die Verzahnung mit hochqualitativer onkologischer Pflege, die in der Fläche bestmöglich und mit gutem Gewissen durchgeführt werden muss. Bestmöglich heiße jedoch nicht unbedingt, dass es jedes teure Medikament sein muss: „Bestmöglich heißt das, was der Patient erwartet, damit er sich gut behandelt fühlt.“

_Henning Mankell: „Krebs ist der Schatten, der auf uns allen liegt“.
Die Welt, 25. November 2o14
_ DGHO-Jahrestagung, 1o. bis 14. Oktober 2o14, Hamburg: „Flächendeckende Versorgung von Krebspatienten in der Zukunft“; Sitzung am 11.1o.2014
_ DGHO: Herausforderung demografischer Wandel. Bestandsaufnahme und künftige Anforderungen an die onkologische Versorgung
. Gesundheitspolitische Schriftenreihe, Band 1

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