Schlagwörter

, , , , , , ,

Sagt die Seele zum Körper: Geh Du vor,

auf mich hört er nicht.
 Antwortet der Körper:

Ich werde krank, dann hat er Zeit für Dich.

Bei der Entstehung vieler psychischer Erkrankungen wie Depression, Angst oder Sucht spielen Stress, traumatische Ereignisse oder belastende Lebensumstände eine wesentliche Rolle. Doch nicht jeder Mensch entwickelt eine psychische Erkrankung, wenn er mit solchen Belastungen konfrontiert wird. Die jedem Menschen innewohnende „seelische Widerstandskraft“ hilft, Herausforderungen nachhaltig wirksam zu meistern und dabei mental gesund zu bleiben.

Die Tatsache, dass einige Menschen nicht oder nur kurzfristig erkranken, obwohl sie großem psychischen oder physischen Druck ausgesetzt sind, hat zu der Annahme geführt, dass sie über Schutz- und Selbstheilungskräfte verfügen, die eine Entwicklung stressbedingter Erkrankungen verhindern.

Die zugrunde liegenden Mechanismen werden zum einen in dem Modell der Salutogenese zusammengefasst: Der amerikanische Soziologe Prof. Aaron Antonovsky (1923-1994) ist der Frage nachgegangen, wie trotz allgemein widriger Lebensumstände Gesundheit, genauer: Gesundsein, entstehen kann.

Soziologisch, psychologisch, genetisch … 

Auch die Resilienzforschung beschäftigt sich mit den Faktoren, die seelische Widerstandskraft positiv beeinflussen. Der renommierte Trauer- und Traumaforscher Prof. George A. Bonanno, New York, glaubt an „natürliche Resilienz“ – an eine ureigene Kraftquelle, die uns hilft, nach Verlusterfahrungen als Mensch zu wachsen und irgendwann in neue Balance zu kommen [1]. Denn, so Bonnano, in einem Interview mit Brandeins:  “Resilienz ist keine Charaktereigenschaft, sondern ein Resultat und entsteht durch eine Reihe gesunder Reaktionen auf sehr schwierige Umstände.”

Resilienz ist keine Charaktereigenschaft,
sondern ein Resultat und entsteht durch eine Reihe gesunder Reaktionen auf sehr schwierige Umstände.

George A. Bonanno

Rein empirisch betrachtet, stehen bisher die unterschiedlichen soziologischen, psychologischen und genetischen Dimensionen im Vordergrund der Forschung, beispielsweise soziale Unterstützung, bestimmte Persönlichkeitsmerkmale oder typische Verhaltensweisen.

Wissenschaftler der Neuroimaging Center (NIC), einer zentralen Forschungsplattform der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und des Forschungszentrums Translationale Neurowissenschaften (FTN), haben all diese Einzelansätze um den neurobiologischen Ansatz ergänzt. Ihre Forschungsfrage lautete, ob es mit dem Gehirn möglicherweise einen gemeinsamen Nenner gibt. Zu dem Zweck wurde die Datenlage aus Studien und Untersuchungen zum Thema Resilienz ausgewertet.

Gehirn by Tim Bartel | Flickr

… und jetzt das Gehirn

Im Ergebnis rückt das Gehirn tatsächlich in den Mittelpunkt: „Wie bewertet das Gehirn belastende oder bedrohliche Situationen oder bestimmte Reize?“ lautet demnach die entscheidende Frage.

„Der zentrale Mechanismus ist vermutlich eine positive Reizbewertung, die letztlich über die Resilienz des Individuums entscheidet. Die vielen bisher identifizierten Faktoren bestimmen Resilienz indirekt, indem sie die Bewertung nur beeinflussen,“ schreiben die Autoren der Arbeit, die online in der Fachzeitschrift Behavioral and Brain Sciences veröffentlicht wurde [2].

Aus diesem Bewertungsansatz folgt für die Wissenschaftler, dass es weniger die belastenden Situationen oder Reize per se sind, die darüber entscheiden, ob Stress entsteht, sondern die Art und Weise, wie der Mensch die Situation bewertet. Ein positiver Bewertungsstil schützt langfristig vor stressbedingten Erkrankungen, weil er die Häufigkeit und das Ausmaß von Stressreaktionen verringert.

Den neuen Ansatz nennen die Autoren PASTOR (Positive Appraisal Style Theory Of Resilience), Ziel der damit verbundenen Aktivitäten in den nächsten Jahren soll es sein, insbesondere die neurobiologischen Prozesse zu erforschen, die einer positiven Bewertung durch das Gehirn zugrunde liegen.

„Wir wollen verstehen, welche Vorgänge im Gehirn Menschen dazu befähigen, sich gegen die schädlichen Auswirkungen von Stress und belastenden Lebensereignissen zu schützen und wie diese Schutzmechanismen gezielt gefördert und verstärkt werden können“, wird Prof. Dr. Raffael Kalisch, Leiter des NIC und Erstautor der Studie, in einer Pressemitteilung der Universitätsmedizin Mainz zitiert. Für ihre Arbeit nutzen die Mainzer Wissenschaftler das 2014 gegründete Deutsche Resilienz-Zentrum Mainz (DRZ Mainz), dem europaweit ersten Zentrum dieser Art, an dem fachübergreifend verschiedene Disziplinen zusammenarbeiten.

So soll es sein, denn nur in gemeinsamer Arbeit kann es gelingen, zunächst das Gehirn selbst zu verstehen. Noch gilt als weitgehend ungeklärt, auf welchen Prinzipien seine Aktivität ­basiert.

Zum Thema

9 Ideen für eine bessere Neurowissenschaft. Neuroforschung in der Kritik – Wissenschaftler plädieren für Reformen | Gehirn & Geist, o2.o1.2o15 

1 Bonanno GA: Die andere Seite der Trauer. Verlustschmerz und Trauma aus eigener Kraft überwinden. Edition Sirius 2o12

2 Kalisch R et al: Behav Brain Sci 2014; 27: 1-49. [Epub ahead of print]
DOI: 10.1017/S0140525X1400082X

Advertisements