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Schmerz – insbesondere Rückenschmerz – hat in unserer Gesellschaft einen enormen Wert, er ist allgegenwärtig. Wir müssten das genaue Gegenteil machen: Eine Gesellschaft, in der Schmerz keinen Wert hat, wird wenig chronische Patienten haben.

Mit dieser These hat Prof. Dr. Arne May, Leiter der Arbeitsgruppe Schmerz und der Kopfschmerzambulanz am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, auf dem Deutschen Schmerzkongress 2o13 provoziert und zu einer selbstkritischen Diskussion innerhalb der Ärzteschaft zu der Frage angeregt, „inwieweit wir Befindlichkeiten unnötig pathologisieren?“[1]

Inzwischen ist das Thema veranstaltungsfähig geworden: Der Deutsche Ethikrat diskutierte kürzlich in Berlin, ob mit Burnout oder den Wechseljahren des Mannes tatsächlich Krankheiten erfasst oder ob psycho-soziale Probleme zu Krankheiten umgedeutet würden.[2] Erweitern ließe sich das aus Sicht der adsw-Autorin noch um eine mehr als 6 Wochen anhaltende Trauer nach dem Tod eines Ehepartners, Elternteils oder Kindes: Die amerikanischen Psychiater haben den Ausnahmezustand Trauer jüngst mit einer Krankheitsziffer versehen.

Unter den Stichworten „Moden in der Medizin“, neudeutsch: „Disease-Mongering“, kritisierte in Berlin Gisela Schott von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, dass normale Prozesse des Lebens als medizinisches Problem definiert, neue Krankheitsbilder durch Maßnahmen von Pharmaindustrie, Interessenverbänden und PR geradezu erfunden, leichte Symptome zu Vorboten schwerer Leiden stilisiert und Risiken als Krankheit verkauft würden.

Das habe unter anderem zur Folge, dass Betroffene zu schnell mit Medikamenten versorgt und damit einem unnötigen Risiko ausgesetzt seien. Gleichzeitig würden Ressourcen des Gesundheitssystems verschwendet.

Es gibt gesellschaftliche Tendenzen, Befindlichkeitsstörungen zu schnell als Ausdruck einer psychischen Erkrankung wahrzunehmen

Wolfgang Schneider

Wider die Pathologisierung

„Es gibt gesellschaftliche Tendenzen, dass gerade soziale Faktoren wie beispielsweise Stress im Job oder Arbeitslosigkeit bei Diagnosestellungen von Betroffenen oftmals nur medizinisch betrachtet werden,“ gab schließlich Professor Dr. Dr. Wolfgang Schneider, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin in Rostock, auf einer Veranstaltung zum Thema „Psychische Gesundheit, Arbeit und Gesellschaft“ zu bedenken.[3]

Schneiders These: Arbeitsüberlastung oder berufliche Schwierigkeiten würden gern in das Reich der psychischen Erkrankungen befördert, denn das schütze davor, soziale Missstände und prekäre Arbeitsverhältnisse offen anzusprechen und sich damit auseinanderzusetzen.

Und: Die öffentliche Aufmerksamkeit, die das Thema „psychische Belastungen in der Arbeitswelt“ erfährt, führe mehr und mehr dazu, dass Menschen Befindlichkeitsstörungen, Erschöpfung, Frustration und Demotivierung zu schnell als Ausdruck einer psychischen Erkrankung wahrnehmen.

Der Zungenschlag dieser Experten ist eindeutig: Menschen dürfen nicht unnötig zu Patienten gemacht werden. Weder jeder Rückenschmerz noch jede Niedergeschlagenheit ist als Krankheit zu werten. Ohne Frage ist eine sorgfältige Abklärung notwendig, um jeglicher Problematik angemessen zu begegnen und zu entscheiden, ob und welche Art von professioneller Unterstützung der Einzelne benötigt. Besonders wichtig aber ist Prävention, Hilfe zur Selbsthilfe oft die richtige Devise.

Dann gäbe es auch weniger Drahtseilakte zwischen überflüssiger Medikalisierung und notwendiger Therapie. Laut Prof. Dr. Lothar Weißbach, Prostatakrebsspezialist in Berlin, sollten sich Ärzte in der „Kunst des Weglassens“ üben, anstatt unabhängig von der Ausprägung eines Beschwerde- oder Krankheitsbildes maximal zu versorgen. Und sie sollten mitunter von einer Therapie abraten, auch wenn sie damit keine honorierte ärztliche Leistung im Sinne der Krankenkasse erbrächten.[2]

Hilfen zur Selbsthilfe

„Es sollte darum gehen, dass der Einzelne aktiv und möglichst selbstbestimmt sein Leben gestaltet.“ Für Dr. Regine Klinger, Leiterin der Psychotherapeutischen Hochschulambulanz für Verhaltenstherapie, Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Hamburg, ist oft bereits eine niedrigschwellige Beratung hilfreich, dann können Menschen eigenverantwortlich ihre Probleme lösen.[1]

„Strategien gegen die Katastrophisierung können Entspannungsverfahren ebenso sein wie sanfte Bewegungsübungen oder eine straffe Strukturierung des Alltags,“ so Klinger. Oder, um zum Rückenschmerz zurückzukommen, ein systematisches Muskelkrafttraining.

Ändert der Mensch sein Verhalten,
ändert sich auch der Schmerz

Regine Klinger

Rückenschmerz – ein „Mixed Pain Syndrome“

Wir bleiben beim Rückenschmerz, denn der Rücken ist bekanntermaßen der beliebteste Austragungsort für Fehlbelastungen, Fehlhaltungen und Anspannungen aller Art.

Muskelschmerzen, -verspannungen und -verhärtungen sind physiologische Signale, sie entstehen, indem das Gehirn entscheidet, einen Muskel zum Schutz vor Überlastung abzuschalten. Ein Teufelskreis aus Sauerstoffmangel, gestörtem Stoffwechsel und erhöhter Muskelspannung entsteht, an dessen Ende die Verkürzung des Muskels steht.

Der daraus entstehende Rückenschmerz ist meist „unspezifisch“ und ein „Mixed Pain Syndrome“ mit nozizeptiven und neuropathischen Komponenten. Das heißt ganz allgemein: Schmerz entsteht als Reaktion auf unterschiedliche Reize, die die Schmerzrezeptoren (Nozizeptoren) stimulieren. Diese sitzen in der Haut und in allen anderen Geweben und Organen an empfindlichen Nervenenden und sind über periphere Nerven mit dem Rückenmark verbunden. In Form von elektrischen Impulsen, die in den Nerenzellen erzeugt werden, wird die Erregung zunächst ins Rückenmark gejagt, dann weiter ins Gehirn und dort ins Zwischenhirn und in die Großhirnrinde. Erst in diesen höheren Gefilden wird der Schmerz wahrgenommen und löst die vielfältigen physiologischen und psychischen Reaktionen aus – nicht an der Schmerzstelle, wie vielfach angenommen wird.

Unter dem Schlagwort „unspezifisch“ finden sich in der Literatur im Bereich der nozizeptiven Rückenschmerzen vor allem Muskelverhärtungen (Myogelosen); sekundäre Reizzustände; Bandscheibendegenerationen, die zu Veränderungen an den Wirbelkörpern (Spondylosen), Wirbelbogengelenken (Spondylarthrosen), Wirbelkanalverengungen (Spinalkanalstenosen), Blockaden (Kombination aus verspannter Muskulatur, Fehlbelastung und Fehlstatik der gesamten Wirbelsäule) führen.

Jeder Schmerz ist auch ein psychischer Schmerz

Bekannt ist, auf welchen neuronalen Ebenen Schmerz verstärkt und chronisch wird. Chronischer Schmerz im Sinne von langanhaltendem Schmerz ist zudem eine eigene und häufig schwer zu behandelnde Krankheit.

Traumatische Erfahrungen gehören zu den unspezifischen Risikofaktoren für chronische Rückenschmerzen, von denen in Deutschland knapp 20% betroffen sind.[4] Repräsentative, fragebogenbasierte Studien haben gezeigt, dass rund ein Viertel der Befragten über belastende Lebensereignisse berichten. Dazu gehört die Ehescheidung ebenso wie die Arbeitslosigkeit oder der Tod eines nahen Angehörigen. Patienten mit chronischen nichtspezifischen muskulo-skelettalen Schmerzen berichten häufiger über traumatisierende Lebensereignisse als schmerzfreie Personen.[4]

Für Dr. Regine Klinger ist jeder Schmerz auch ein psychischer Schmerz: „Wenn wir Schmerzen haben, ist das ganze Gehirn damit beschäftigt, das gilt auch für den akuten Schmerz. Eine große Rolle spielen Faktoren wie Aufmerksamkeit, Ängste und individuelle Verarbeitungsprozesse.“[1]

Prävention bedeutet für die Expertin der psychologischen Schmerztherapie folglich, den Patienten bei seiner Selbstverantwortung zu packen und ihn zu motivieren, konkret etwas zu tun, um seine Schmerzen erträglicher zu machen. Ändert er sein Verhalten, ändert sich auch der Schmerz. Es gilt, Verhaltens- und Empfindungsmuster im Gehirn bzw. Gedächtnisspuren zu durchbrechen, um aus dem Kreislauf auszusteigen.

Gerade weil Verspannungen so tückisch sind, müssen wir den negativen Auswirkungen des Alltags ein systematisches Muskelkrafttraining entgegensetzen

 Klaus W. Zimmermann

Muskeln kräftigen und Widerstandskraft erhöhen

Selbstverantwortung nicht nur im Bereich der Schmerzprävention kann ganz einfach sein. Die vorrangigen Ziele aller ambulanten präventiven wie kurativen Maßnahmen lauten: Muskeln kräftigen und ihre Widerstandskraft gegen Ermüdung sowie die Dehnbarkeit erhöhen. Wer Schmerzen hat, braucht keine Angst vor Bewegung zu haben. Wer schmerzfrei ist, schon gar nicht. Es gibt mit Ausnahme von palliativ behandelten Erkrankungen keine einzige Diagnose, die sich durch Bewegung nicht dramatisch verbessern ließe.

Muskelkraft und Muskelmasse lassen sich in jedem Alter mit einem systematischen Muskelkrafttraining aufbauen, selbst jenseits von 65, wie zahlreiche Studien zeigen.[5] Eine gezielte Kräftigung jener Muskeln, die bevorzugt zum Schwächeln neigen – das sind vor allem die des oberen Rückens, die Bauch-, Gesäß- und Beinmuskulatur –, hat wunderbare Effekte.

Prof. em. Dr. Klaus W. Zimmermann, Sportwissenschaftler aus Zwickau, hat vor Jahren sieben Gründe genannt, warum wir Liegestütze, Kniebeugen und isometrische Übungen brauchen. Daran hat sich nichts geändert:

Erhalt der Muskelmasse

Wir können durchaus 40 Jahre lang 40 bleiben – zumindest in Bezug auf die Muskulatur; diese bleibt bis ins hohe Alter elastisch, wenn sie regelmäßig trainiert wird. Es gibt nichts mit vergleichbarer Wirkung.

Mehr Mobilität

In reiferen Jahren reduziert eine kräftige Beinmuskulatur die Sturzgefahr und das damit verbundene Verletzungsrisiko. Auf diese Weise schaffen Sie ideale Voraussetzungen, um weiterhin zügig gehen, wandern, Radfahren, Treppensteigen, gärtnern zu können.

Aufrechte Haltung

Die Muskulatur stabilisiert die Körperhaltung. Gezielte Kräftigung und Dehnung hält auch Bänder, Sehnen und Knorpel geschmeidig. So beugen Sie Haltungsfehlern und -schäden vor.

Schutz der Wirbelsäule

Je kräftiger die Muskulatur ist, umso besser puffert sie Belastungen an Wirbelsäule und Gelenken ab und schützt vor Verschleiß. Gezieltes Training kann auch bestehende Rücken- oder Kniebeschwerden deutlich mindern.

Osteoporose-Prävention

In zahlreichen Studien konnte festgestellt werden, dass mehr Muskelmasse auch mehr Knochenmasse bedeutet. Damit verbunden sind weniger Frakturen in den kleinen Wirbelkörpern der Wirbelsäule, der langen Röhrenknochen des Oberschenkelhalses und des Unterarms. Gerade diese Körperregionen können vor allem in der zweiten Lebenshälfte zum Problem werden, wenn die Knochenstruktur bereits porös ist – schlimmstenfalls ähnlich porös wie ein Schwamm. Das Problem heißt Osteoporose und ist ab Fünfzig eine der häufigsten chronischen Erkrankungen.

Keine Stoffwechselstörungen

Neben der Leber ist die Muskulatur das wichtigste Stoffwechselorgan. Wer Muskeln aufbaut, baut Fett ab und verwertet sogar beim Schlafen mehr Kalorien als üblich. Beim Training selbst wird der Verbrauch um das Drei- bis Fünffache gesteigert.

Balsam für die Seele

Bewegung ist Psychotherapie im besten Sinne, da im Körper jene Botenstoffe freigesetzt werden, die entspannen und die Stimmung heben. Langfristig baut Bewegung Stresssymptome ab, macht lockerer und zufriedener, Belastungen werden besser verkraftet. Eine Stunde pro Tag soll bei Depression gelegentlich das Antidepressivum ersetzen können.

Einfach tun

Kurz: Die „Alltagstauglichkeit“ erhöht sich deutlich. Welche Sportart(en) für diese Ziele individuell besonders geeignet sind, lässt sich oft nur durch Ausprobieren herausfinden und sollte abhängig vom aktuellen Beschwerdebild variiert und angepasst werden.

Allgemein wird in Verbindung mit Funktionsgymnastik und neuerdings Yoga dennoch gern zu den klassischen Ausdauersportarten geraten, vor allem zu Aquafitness und Aquajogging, (Rücken)Schwimmen und Kraulen (für alle, die Wirbelsäulen-Probleme haben), Radfahren, Inline-Skating, Wandern und Skilanglauf (Vorsicht: Sturzgefahr bei Unerfahrenen).

Und, so Professor Jürgen Freiwald, Sportwissenschaftler an der Bergischen Universität Wuppertal: Bevor man Schmerzpatienten von ihrem Lieblingssport abrät – etwa Golf oder Kegeln wegen Rücken- oder Kniebeschwerden –, sollte überlegt werden, wie er sich gelenkschonender betreiben lässt.[6]

Sportmedizinisch sinnvoll erscheint eine Trainingsfrequenz von zwei- bis dreimal pro Woche. Alarmierend ist allerdings, dass viele Leute egal welchen Alters einfach keine Lust haben, sich zu bewegen. Vor dem Hintergrund des jüngsten Diktums „Sitzen ist das neue Rauchen“, lässt sich darauf lediglich lapidar kontern: Um Lust geht es nicht, sondern schlicht ums Machen. Warum? Darum: Lebensqualität wird zu einem großen Teil über Beweglichkeit definiert. In Verbindung mit dem Altern ist das wiederum ein weiteres weites Feld.

Zum Thema:


Gesundheitsmonitor 1|2o15: Psychosozialer Stress am Arbeitsplatz. Indirekte Unternehmenssteuerung, selbstgefährdendes Verhalten und Folgen für die Gesundheit.
Bertelsmann Stiftung und BARMER GEK. Gütersloh, März 2o15

Gesundheitsreport 2015: Analyse der Arbeitsunfähigkeitsdaten. Update Doping am Arbeitsplatz. Deutsche Angestellten Krankenkasse DAK, März 2o15

1 Deutscher Schmerzkongress 2013. 23. bis 26. Oktober 2013, Hamburg. Eröffnungspressekonferenz, 23. Oktober 2013

2 Alte Probleme – Neue Krankheiten: Überflüssige Medikalisierung oder notwendige Therapie? Forum Bioethik des Deutschen Ethikrats. Berlin, 25. Februar 2o15

3 Psychische Gesundheit, Arbeit und Gesellschaft: Expertenforum, Universität Rostock
Universitätsmedizin
Zentrum für Nervenheilkunde, Rostock, 4. März 2o15

4 Siehe 1: Tesarz J: SY11

5 Graves/Franklin 2oo1; Aniansson et al 1984; Grimby et al 1982 etc.

6 Bewegung hält auch entzündete Gelenke in Schwung. Ärzte-Zeitung, 26. Mai 2oo5

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