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Psychische Erkrankungen hatten zu keinem Zeitpunkt eine größere gesellschaftliche Relevanz als gegenwärtig: Nicht nur in Deutschland und in allen Altersgruppen, auch auf EU-Ebene ist derzeit etwa jeder Dritte von zumindest einer eindeutig diagnostizierten psychischen Erkrankung betroffen, mit steigender Tendenz vor allem bei Depressionen und Angststörungen – all das, was gern und sehr salopp unter den Begriffen Burnout und Stresserkrankungen zusammengefasst wird. Jeder fünfte Chroniker ist depressiv.

„Psychische Störungen sind Erkrankungen unseres Gehirns und des Nervensystems – dem komplexesten Organ des Menschen. Warum sollte ausgerechnet dieser Teil unseres Körpers weniger häufig erkranken als andere Organe?“ Diese Frage von Prof. Dr. Hans-Ulrich Wittchen, Direktor des Instituts für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der TU Dresden, ist steinalt, doch ewig aktuell. Zumal, so wird jeden Tag deutlicher, psychische Erkrankungen zu keinem Zeitpunkt eine größere gesellschaftliche Relevanz hatten als gegenwärtig.

Nicht nur in Deutschland und in allen Altersgruppen, auch auf EU-Ebene ist derzeit etwa jeder Dritte von zumindest einer eindeutig diagnostizierten psychischen Erkrankung betroffen, mit steigender Tendenz. [1] In der International Classification of Diseases (ICD-10 Version 2o14) sind vor allem die Kapitel F00-F99 gemeint, diese umfassen unter anderem

  • „Organische, einschließlich symptomatische psychische Störungen“ (Beispiel: Demenz),
  • „Affektive Störungen“ (Beispiel: Depressionen),
  • „Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen“ (Beispiel: Angststörungen),
  • „Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen“ (Beispiel: Narzisstische Persönlichkeitsstörungen),
  • „Intelligenzstörungen“,
  • „Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend“ (Beispiel: ADHS).

Einige erkranken nur einmalig für einige Wochen, andere episodisch für Wochen und Monate, wieder andere chronisch. Rund 61% der psychischen Erkrankungen nehmen einen episodischen und 39% einen chronischen Verlauf, über 50% verursachen die meisten Lebensjahre mit Behinderung (disability-adjusted life years, DALY). Das gilt insbesondere für die häufigsten psychischen Erkrankungen: die unipolare bzw. Major Depression und Angststörungen.[1]

Meist mehrere Diagnosen

Meist beginnen psychische bzw. psychiatrische Erkrankungen in der Kindheit und frühen Jugend. Das Haupterkrankungsalter ist bis auf die Demenz im Mittel das 19. Lebensjahr, 75% aller Erkrankungen haben sich bis zum 24. Lebensjahr manifestiert. Die Diagnose einer jeden psychischen Erkrankung bezeichnet ein Muster von Symptomen, das sich aufgrund sehr unterschiedlicher psychischer Entwicklungen, psychosozialer Belastungen und biologischer Voraussetzungen entwickelt. Bei manchen Menschen mit einer akuten psychischen Störung können beispielsweise eine schwierige Persönlichkeitsentwicklung mit Selbstwertproblemen, übermäßiger Ehrgeiz und belastende aktuelle Lebensumstände für ihr Handeln entscheidender sein als eine gleichzeitig bestehende „akute psychische Störung“.[2]

Wann immer eine Störung auftritt, ist daher eine zusätzliche Diagnose (Komorbidität) wahrscheinlich: Eine von zwei Personen erfüllt die Kriterien für mindestens eine weitere Diagnose, zum Beispiel Angst und Depression.

Depressive Symptome entwickeln auch narzisstisch gestörte Menschen, grundlegend gestört sind jedoch zwei Persönlichkeitsmerkmale: das Selbstgefühl und das Selbstwertgefühl. Die narzisstische Person kann sich nicht lieben, ist nicht empathiefähig und versucht unbewusst dies zu kompensieren, zum Beispiel durch Ideen von der eigenen Großartigkeit und Idealisierung oder durch Abwehrmechanismen wie Überanpassung und Entwertung.[3] Das eine wie das andere führt meist zu sozialen Auffälligkeiten.

Wir verpassen eine Menge, wenn wir nicht frühzeitig intervenieren

Das kranke Gehirn ist in den Fokus gerückt, die Abgründe können tief sein, vor allem wenn Verleugnung sich hartnäckig hält. Insbesondere hochintelligente Menschen schaffen es, selbst schwere Erkrankungen so zu verbergen, dass das soziale Umfeld nichts merkt. Der Grund kann fünf Buchstaben haben: Angst. Angst vor noch mehr Kränkung. Angst vor Stigmatisierung. Karriereangst. Angst, nicht mehr mitspielen zu dürfen

Hinzu kommt, dass diese in vielerlei Hinsicht krankende Gesellschaft nach wie vor keinen offensiven Umgang mit psychischen Krankheiten zulässt. Seit jeher gibt es viele Vorurteile und keine nennenswerte Toleranz. Ein bemerkenswertes Paradox.

Doch auch die Behandlungssituation ist prekär: Akut psychisch Erkrankte warten hierzulande derzeit länger als drei Monate auf einen Facharzttermin oder Psychotherapieplatz. Jeden Monat fragen etwa 18 Patienten nach einer psychotherapeutischen Behandlung, doch ambulante Psychotherapeuten bieten gerade vier Erstgespräche im Monat an. Die Gründe sind wie die Folgen vielschichtig.

„Fehlende Früherkennung und Frühintervention sind negative Prädiktoren für den Gesamtlauf der Erkrankungen und wären bei früherem Therapiebeginn vermeidbar. Stattdessen münden solche Entwicklungen in eine enorme gesundheitsökonomische Belastung. Wir verpassen eine Menge, wenn wir nicht frühzeitig intervenieren,“ so Prof. Dr. Matthias Augustin, u. a. Direktor des Instituts für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.[1]

Psychiatrische Diagnosen seien neben Herz-Kreislauf- und gastrointestinalen Erkrankungen die Kostentreiber des Systems, da die Gesamtkosten im hohen dreistelligen Milliardenbereich für die direkten (Krankenhaustage, Medikamente, Psychotherapiesitzungen), indirekten (Arbeitsunfähigkeitstage, Frühberentung, frühzeitiger Tod) und sozialen Kosten (Heilhilfsmittel, beschützte Wohngruppen, Werkstätten) liegen, aber auch für Kosten durch Gerichtsverfahren, Polizeieinsatz, Inhaftierung.

Viel Zeit bis zum Behandlungsbeginn

Bis zum Behandlungsbeginn vergeht viel Zeit, vor allem bei Patienten mit einer Depression und/oder Angststörung – „all das, was gern und sehr salopp unter den Begriffen Burnout und Stresserkrankungen zusammengefasst wird,“ so Augustin. Bei Depressiven sind es rund acht Jahre, bei Angstpatienten stolze 14 Jahre. Das sind Jahre, die den Schnitt für die durchschnittliche Behandlungsverzögerung bei allen psychiatrischen Erkrankungen auf 6,8 Jahre in die Höhe treiben, wenngleich die Behandlung zum Beispiel der Anorexia nervosa nach rund 1,8 Jahren einsetzt.

Doch während diese Diagnose offensichtlich ist, ist es die der Depression nicht. Sie maskiert sich gern, auch hinter somatischer Symptomatik. „Jeder fünfte Chroniker ist depressiv,“ hieß es auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (DEGAM) im September 2013 in München.[4] Das schlägt sich jedoch nicht in der Behandlungsquote nieder, nur ein Viertel kommt in ein Erstgespräch. Gründe dafür werden im Abschlussbericht des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) 2o11 genannt, dem obersten Beschlussgremium der gemeinsamen Selbstverwaltung der Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten. Im Rahmen der Regelversorgung

  • findet keine Leitlinien-orientierte Versorgung statt, wegen geringer Kenntnis in Diagnostik und Therapie bei Hausärzten;
  • gibt es Hinweise auf Defizite bei „früher“, „rechtzeitiger“ und „korrekter“ Erkennung und Therapie depressiver Störungen;
  • führt eine segmentierte haus- bzw. fachärztliche Versorgung zu inadäquaten und verzögerten Zuweisungen sowie zu Kooperations- und Kommunikationsdefiziten;
  • sorgen fehlende Zeit für Beratung, lange Wartezeiten, mangelnde Therapieangebote und unzureichende wohnortnahe Versorgung für einen deutlichen Anstieg unnötiger und belastender Krankenhauseinweisungen.

„Ein ausgesprochen unerfreuliches Resultat der derzeitigen Versorgung,“ konstatierte der Arzt und Gesundheitsökonom Augustin knapp und zitierte zusätzlich den DAK-Gesundheitsreport 2013 und das Statistische Bundesamt 2012, wonach gerade die unipolare Depression und die Angststörungen die höchsten Anstiege sowohl bei der Arbeitsunfähigkeit (AU) als auch bei der Erwerbsunfähigkeit zeigen. Während sich 1997 jeder 50. Erwerbstätige wegen psychischer Probleme krank meldete, war es 2012 jeder 22. Im Jahr 2011 wurden bundesweit 59,2 Millionen psychisch bedingte AU-Tage registriert, von Frauen häufiger als von Männern (30,1% vs. 23,4%). Bei den Frühberentungen stieg der Anteil der Personen mit psychischen Erkrankungen in den letzten 18 Jahren von 15,4% auf 41,0%, das Durchschnittsalter liegt bei 48,3 Jahren.

Wie geht man damit um? „Das treibt uns seit langem um und verlangt nach Antworten,“ sagte in Hamburg ein Funktionär der Gesetzlichen Krankenversicherung AOK. Zumal die Versicherten all diese Hintergründe überhaupt nicht interessieren würden: Die wollen eine schnelle, sichere und gute Versorgung. Und sie wollen ein gesellschaftliches Klima, in dem sie ohne Vorurteile leben und die notwendige Zuwendung und Unterstützung sanktionsfrei erhalten können – nicht nur von Psychiatern, Neurologen oder Psychotherapeuten.

Zum Thema


Pflugmacher I: Gefahrenquelle Patient. Wann Ärzte ihre Schweigepflicht brechen müssen. Ärzte Zeitung online, 31. März 2015

Germanwings-Absturz: „Als Prüfer ist man bis zu einem gewissen Grad machtlos“. Spiegel Online, 28. März 2o15

1 Gesundheitswirtschaftskongress, 24. bis 25. September 2013, Hamburg. Der Psychiatrieboom: Mit neuen Konzepten punkten. 25. September 2013

2 Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde, Stellungnahme 2. April 2015

3 Narzisstische Persönlichkeitsstörung: Webseite der Hardwaldklinik II, Bad Zwesten

4 Kongress der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (DEGAM); 12. bis 14. September 2013, München. Veit I et al: Session S3-WS1

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