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IMPACT2C Web-Atlas heißt das Bild gewordene Ergebnis eines EU-Projekts, das untersucht hat, wie sich eine Erhöhung der globalen Temperatur um 2°C auf Klima, Energie, Gesundheit, Land- und Forstwirtschaft sowie Ökosysteme, Wasser, Tourismus, Küsten in Europa und sensiblen außereuropäischen Hotspots auswirkt.

„Der Stand der Wissenschaft ist eindeutig: Wir Menschen haben den größten Teil der beobachteten globalen Erwärmung verursacht – und der damit angestoßene Klimawandel birgt große, schwer abschätzbare Risiken. Nur ein couragiertes und schnelles Handeln auf der weltpolitischen Ebene kann die Erderwärmung noch auf unter zwei Grad Celsius begrenzen.“

Im Zuge der 21. Weltklimakonferenz (Conference of the Parties, COP 21), die ab heute bis zum 11. Dezember 2o15 mit den Abgesandten von 195 Staaten in Paris stattfindet, haben Wissenschaftler des Deutschen Klima-Konsortiums e. V. (DKK) ihrer “großen Sorge” deutlich Ausdruck verliehen, dass die Folgen des Klimawandels die Lebensgrundlagen dieser und der kommenden Generationen gefährden werden. “Die Zeit, in der die Menschheit eine gefährliche anthropogene Störung des Klimasystems noch verhindern kann, wird knapp,” heißt es in der Erklärung des Konsortiums, dem führende Akteure der deutschen Klimaforschung und Klimafolgenforschung aus Universitäten, außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Bundesbehörden angehören, und dem Prof. Mojib Latif vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel vorsitzt.〈1〉

Nur zwei Grad mehr 

Was sind schon zwei Grad im Lichte der Ewigkeit, salbadert der Laie und wird dieser Tage einmal mehr nicht nur von Mojib Latif eines Besseren belehrt: Eben diese zwei Grad gelten als kritische Grenze.

“Schon eine globale Erwärmung von nur zwei Grad wird zu Veränderungen in vielen Lebensbereichen führen. Hiervon sind nicht nur Afrika und die Inselstaaten betroffen, sondern auch Europa, wenn auch schwächer,” wird Dr. Daniela Jacob, Direktorin des Climate Service Center Germany (GERICS) in Hamburg in einer Pressemitteilung zitiert.〈2〉Jacob hat die Konzeptionierung und Realisierung des IMPACT2C Web-Atlas geleitet, der auf den Forschungsergebnissen des EU-Projekts IMPACT2C basiert, die Wissenschaftler aus 29 Instituten in den vergangenen vier Jahren erarbeitet haben. Für den Atlas hat das Team der Klimaforscherin 53 Kernaussagen formuliert, 43 davon zu Themen, die Europa betreffen. Einige der Aussagen lauten:

  • Wenn sich die bodennahe Temperatur global um 2°C erwärmt, können in ganz Europa vermehrt extreme Ereignisse auftreten. Das gilt für extremere Niederschläge und für häufigere, intensivere und länger andauernde Hitzewellen.
  • Schon bei einer Zunahme von 2°C wird sich die Anzahl der Hitzewellen voraussichtlich verdoppeln. Dies wird negative Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit haben. Die Hitzesterblichkeit, so die Projektionen, wird in ganz Europa steigen und bestehende gesundheitliche Probleme können sich während Hitzewellen weiter verschärfen.
  • Eine Hotspotanalyse für die Bereiche Wasser, Landwirtschaft, Gesundheit und Ökoystemdienstleistungen führt zu einem ausgeprägten Nord-Süd-Gradienten in Europa. Generell zeigt sich für das südliche Europa eine Anhäufung von „Klimawandel-Verlierern“ (Regionen, in denen die negativen Klimafolgen überwiegen), während sich für das nördliche Europa tendenziell mehr „Klimawandel-Gewinner“ abzeichnen.
  • In einer um 2°C wärmeren Welt würde sich die landwirtschaftliche Gesamtproduktion in Europa im Vergleich zu heute um 30 Prozent erhöhen.
  • Auch wenn es gelingt, den Anstieg der globalen Temperatur auf 2 Grad Celsius zu stabilisieren, wird der Meeresspiegel weiter ansteigen, da dieser träge auf Temperaturerhöhungen reagiert. Entsprechend könnten Sturmfluten und Überschwemmungen trotz Anpassungsmaßnahmen häufiger auftreten, die Kosten durch wiederkehrende Sturmfluten und Überschwemmungen würden sich weiter erhöhen. Die höchsten Hochwasserkosten werden für die Nordseeanrainerstaaten und Städte projiziert.
  • Außereuropäisch würden insbesondere Bangladesh und Inseln wie die Malediven, die heute auf Meeresspiegelhöhe liegen, die Folgen des Klimawandels spüren.

Wie sich die Auswirkungen der globalen Erwärmung um 2°C im Einzelnen darstellen, erfahren Interessierte im IMPACT2C Web-Atlas für jeden Forschungsbereich zielgruppenspezifisch mit wechselnden Bildmotiven, interaktiven Karten, Grafiken sowie interessanten Verlinkungen. Jacob hofft, dass IMPACT2C und der Web-Atlas die Hintergrundinformationen nachhaltig bereichern, auf deren Basis auch in Paris diskutiert werden wird. Es müsse das 2°Grad-Ziel erneut ausdrücklich bestätigt werden: „Eine Einigung auf ein gemeinsames 2°C-Ziel ist absolut notwendig. Bei einem stärkeren Temperaturanstieg wäre es deutlich schwieriger, mit den Folgen umzugehen,“ betont die Expertin. Auch das zeigt der Netzatlas an einigen ausgewählten Fallstudien.

Dieses Treibhausgas-Budget

Die Exerten des DKK sind da radikaler und fordern, den Anstieg der Erderwärmung auf unter 2 Grad zu begrenzen. Der Weg zum einen wie anderen Ziel ist bekannt: Die Menschheit darf nicht mehr als etwa 1.000 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalente ausstoßen. Dieses Treibhausgas-Budget wurde im aktuellen Synthesebericht des Weltklimarats IPCC konkret benannt.

Wie das gehen kann? Ein erster Schritt wäre wohl das Ende des Zeitalters der fossilen Brennstoffe Kohle, Öl und Gas und deren weitgehender Ersatz durch alternative – erneuerbare, saubere – Energien. Und dies asap: Eine Wende müsse bis spätestens 2o2o erfolgen, da laut Prof. Dr. Jochem Marotzke, Stellvertretender DKK-Vorstandsvorsitzender und Direktor am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie, bis zum Jahr 2o11 bereits etwa zwei Drittel der maximal zulässigen CO2-Äquivalent-Emissionen in die Atmosphäre gelangt sind: „Die weltweiten Treibhausgasemissionen sollten nach 2o2o nicht mehr steigen und danach kräftig sinken.”

Eine kohlenstoffarme Wirtschaft sei das wettbewerbsfähige Modell der Zukunft – und die COP 21 hätte die Chance, diese Entwicklung voranzutreiben und mitzugestalten und die notwendige Transformation im Verbund mit der Staatengemeinschaft zu meistern. Bleibt einmal mehr zu hoffen, dass sich das Spektakel an anderen Ergebnissen wird messen lassen können als an der üblichen sturmfluthohen Worthülsenhalde. Zumal es heuer als „letzte Chance fürs Weltklima“ gilt. Die Erwartungen der Experten hinsichtlich verbindlicher Ziele sind indes nicht sonderlich groß, auch dieser Gipfel werde die Welt nicht retten.

1 Deutsches Klima-Konsortium e.V.: Erklärung führender Klimawissenschaftler zur bevorstehenden UN-Klimakonferenz. Pressemitteilung, 24. November 2o15

2 Helmholtz-Zentrum Geesthacht | Zentrum für Material- und Küstenforschung: Web-Atlas IMPACT2C. Pressemitteilung, 27. November 2o15

 

Zum Thema


Umweltbundesamt: Vulnerabilität Deutschlands gegenüber dem Klimawandel. Sektorenübergreifende Analyse des Netzwerks Vulnerabilität. Reihe Climate Change | 24/2015, November 2015

#ziek: Zusammen ist es Klimaschutz. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit

Kroll, C. Mit einem Vorwort von Kofi Anan: Die nachhaltigen Entwicklungsziele der UN. Sind die Industriestaaten bereit? Bertelsmann Stiftung, September 2o15

 

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