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Bautzen, obersorbisch Budyšin, bis 3. Juni 1868 offiziell Budissin, ist die zweitgrößte Stadt der Oberlausitz und deren historische Hauptstadt. Die größte Stadt, Görlitz/Zgorzelec, mit mehr als einem halben Jahrtausend europäischer Architekturgeschichte, ist uns spätestens seit dem umwerfenden Film The Grand Budapest Hotel grandios gegenwärtig. Von Bautzen lässt sich nichts dergleichen sagen. Dieser Tage gehen dort „UMAs“, unbegleitete minderjährige Asylanten, und „nachts ausschwärmende Zonen-Idioten“, kurz: Nazis〈1〉, unverhohlen hasserfüllt in einer Art Völkerschlacht aufeinander los. Gut eine Autostunde oder 64 Kilometer weiter westlich liegt Dresden.

Diese Gegend war Heimat meiner Familie väterlicherseits. In und um Bautzen herum wirkten und wohnten, urkundlich ab dem 17. Jahrhundert, mehrere Generationen meiner Vorfahren sowie die eines mir namentlich bekannten Sportkameraden. Es gibt keine Zufälle.

Akribischen Editoren am Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Technischen Universität Dresden ist es zu verdanken, dass wir das wissen – und wie man seinerzeit mit Rabauken umgegangen ist: Ohne zu zucken wurden sie eine Stunde ins „eyßerne narren-häußel“ gesperrt.〈2〉

© Stadtarchiv Bautzen | TU Dresden

„Das Narrenhäuschen, aus eisernem Gitterwerk bestehend, war 4 Ellen hoch und bot nur soviel Raum, daß sich eine Person darin bewegen konnte. Es wurde […] an der Mauer des Petrikirchhofes auf dem Fleischmarkte errichtet“, heißt es in der Klahre-Wahren-Chronik, einer vierbändigen Sammlung, die das Stadtarchiv Bautzen in der Abteilung „Handschriften“ verwahrt. Die Folie 99r zeigt zwar zwei Personen, zudem in nur gering angriffslustig wirkendem Abstand, aber egal. Auch unterschied sich die Klientel signifikant von der heutigen: Der „röhrkasten auffm Fleisch Marckte … diente für kleine Diebe und [sogenannte] liederliche Frauenspersonen.“

Zu Stasi-Zeiten ging es in den Haftanstalten Bautzen I, dem sogenannten Gelben Elend, und Bautzen II nicht selten um nichts. Und die Narren waren die anderen.

Es scheint indes, als habe sich der bislang unbekannte Autor der vermutlich zwischen 173o und 175o entstandenen Chronik berufen gefühlt, auch all das aufzuschreiben, das sich unter dem Dach der Katastrophe zusammenführen lässt. Von Ehebrüchen und Kindsmorden über Stadtbrände und Gebäudeeinstürzen bis zu Suiziden und natürlichen Todefsfällen lokaler Persönlichkeiten: Die Darstellungen frühneuzeitlicher Justiz werden seitens der TU-Editoren einerseits als „Speicher von Wissen“ interpretiert, die für die Existenz einer städtischen Gemeinschaft als relevant erachtet wurden, andererseits lassen sie sich als „gesteigerte[n] Ausdruck obrigkeitlicher Selbstrepräsentation“ deuten, die „selbst zu einem Symbol der Justiz“ geworden sei (Straf-Akte(n), S. 333 ff.).

In den aktuellen Notizen aus der sächsischen Provinz macht weniger die Symbolkraft der deutschen Justiz von sich reden denn die Schlagkraft des Mobs. Wie der Postillon wie immer detailliert zu berichten weiß, wollten sich die an dem Gemetzel beteiligten Marokkaner eigentlich nur integrieren: „… Wir haben uns die Bautzener Jugendlichen sehr genau angeschaut. Meistens saßen die schon ab dem frühen Nachmittag auf der ‚Platte‘ rum, haben gesoffen, Musik gehört, Weiber angebaggert und rumgepöbelt. Und wenn denen jemand blöd kam, haben die einfach zugeschlagen,“ soll ein Beteiligter der Polizei, die bekanntlich nicht überall sein kann, zu Protokoll gegeben haben. Wer jemals richtiger Deutscher werden wolle, müsse sich daran orientieren.

Die Platte, vulgo: der Kornmarkt, als ostdeutsches Äquivalent zur Domplatte in Köln? Oder zum Alsterdampferanleger am Hamburger Jungfernstieg? Nu. Jedenfalls folgen daraus bis auf Weiteres ganz persönliche Konsequenzen. Eine davon: Eine Reise in die Vergangenheit zwischen Pannewitz, Preititz und Pietzschwitz muss warten. Und Bautzen … nun ja, sehr viel früher war alles besser. Auch der eine oder andere Straßenname.〈3〉


1 ZDF: heute show, 16. September 2o16
2 Archivverbund Bautzen/Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit,
TU Dresden: Budissinische Chronologium, 2o1o
3 Felix Wilhelm: Die Bedeutung der Gassen- und Straßennamen im alten und neuen Bautzen, 1935

PPT herunterladen:
Das Projekt Klahre-Wahren-Chronik
Das Stadtarchiv Bautzen verwahrt in seinem Handschriften-Bestand eine vierbändige Chroniksammlung

Zum Thema „Politische Verfolgung und Haft in der sowjetischen Besatzungszone und der DDR“:
5. Sächsisches Geschichtscamp: ›Ab nach Bautzen!‹ – GeschichtsCamp mit 50 Jugendlichen. Körber-Stiftung.de, 23. September 2o16

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