Schlagwörter

, ,

Der Ausflug in die Cyberwelt – bei Kunstlicht aus der Energiesparlampe im beheizten Raum – schlägt den in die echte Natur mit allem, was so dazu gehört: Wind, Wetter, Käferkrabbeln. Eine herrliche und natürlich repräsentative Umfrage zeigt, dass es nicht mehr selbstverständlich ist, eine Linde von einer Eiche unterscheiden zu können.

Die Sache mit der Bildung im allgemeinen wurde an dieser Stelle schon aufgedröselt. Jetzt macht unter dem Stichwort “Natur-Bildung” die Deutsche Wildtier Stiftung darauf aufmerksam, dass es eine “zunehmende Diskrepanz” zwischen grünem Zeitgeist und Natur gibt. Daran können offenkundig selbst Magazine wie Walden („Die Natur will dich zurück“) und Lustwanderer wie Manuel Andrack nichts ändern.

Eine Anfang Oktober veröffentlichte Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach (IfD) bei – zugegeben, nur – 1407 Bundesbürgern zeigt, dass die In-Out-Liste auf der In-Seite deutlich von sogenannten Bioprodukten (92%) angeführt wird – zumal, wenn sie auch noch aus der Region bzw. Nähe des Wohnortes stammen. Genau, der Konsument von heute hat hohe Ansprüche: Nicht nur der Preis muss stimmen, sondern auch die Auswahl, Verfügbarkeit und nicht zuletzt die Frische. Während Kenntnisse der Natur mit 25% im Irgendwo dümpeln.

Natur wird zwar durchweg als “gut” bzw. “positiv” empfunden, aber ein krabbelnder Käfer oder eine Wespe auf dem Pflaumenkuchen zeigen schnell die andere Seite der Realität. „Die meisten Menschen hocken im Alltag vor dem Computer und kultivieren einen träumerischen Natur-Mythos, der meist realitätsfern ist“, wird Michael Miersch, Geschäftsführer der Deutschen Wildtier Stiftung, in der Pressemitteilung zitiert. Die Dominanz der Technik gerade bei jungen Generationen befeuere diesen Trend, selbst wenn in den Städten nachhaltige Green-Building-Architektur, Dachbegrünungen und Projekte wie „urban farming“ oder StadtLandFood große Renner sind.

Vielen fällt es heute schwer,
ein Linden- oder Eichenblatt zu erkennen

Immerhin liegt das Thema Umweltschutz mit 84% deutlich vor Begriffen wie Flirten oder Sicherheit. Doch das heißt im Umkehrschluss nicht, dass die Befragten über ein größeres Wissen zu Wildtieren und -pflanzen verfügen oder häufiger Zeit in der Natur verbringen. Das erklärt schon gar nicht, warum Wald, Flur, Hochplateau so oft mit Recyclinghöfen für Sondermüll verwechselt werden. Oder mit Abenteuerspielplätzen, Mehrzweckarenen, Schießbuden. Die Diskrepanz zwischen Umweltbewusstsein und Umweltverhalten könnte nicht größer sein.

Insgesamt spiegeln die Ergebnisse, dass Natur-Bildung hauptsächlich älteren Generationen vorbehalten ist. Auch Wandern soll vor allem eine Freizeitbeschäftigung der Generation 60+ sein (66%), während bei den 14- bis 19-jährigen gerade 35% wandern.

Auf die Frage „Wo sollte man sich auskennen?“ belegen, huch, Rechtschreibung (81%), Gesundheitsvorsorge (52%) und der Umgang mit Computern (46%) vordere Plätze. Dagegen falle es heute vielen schwer, „ein Linden- oder Eichenblatt zu erkennen,“ sagt Miersch und spricht von einer regelrechten „Natur-Entfremdung“. Uns fällt gleichsam die Grammatik-Entfremdung und Entspannungs-Entfremdung auf und dass es vielfach so verdammt schwer fällt, sich selbst und andere zu erkennen.

Auffallende Unterschiede gibt es auch hinsichtlich der Geschlechterverteilung. Während Frauen dem Tierschutz bei „wichtigen Bauvorhaben“ mit 48% den Vorrang geben, wollen nur 36% der Männer, dass ein Bauprojekt wegen einer bestimmten Tierart gestoppt wird.

Da beruhigt doch das Wissen, dass in der Vergangenheit Kammmolche, Gelbbauchunken, Großtrappen, Wachtelkönige und weitere rund 300, oft unbeachtete Tierarten irgendwelche, die Umwelt noch weiter zerstörende Bauvorhaben gebremst oder gar ganz vereitelt haben.

Quelle
Deutsche Wildtier Stiftung: Der Zeitgeist ist grün – die Natur bleibt fremd. Repräsentative Allensbach-Umfrage, Pressemitteilung 4. Oktober 2o16

Werbeanzeigen