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„Das Gefühl der Einsamkeit entsteht nur dann,
wenn man allein ist und es funktioniert nicht“
Ernst Jandl

 

Friedrich Nietzsche. Franz Schubert. Vincent van Gogh. Alberto Giacometti. Albert Camus. Glenn Gould. Thomas Bernhard: Vielleicht können diese Männer exemplarisch für all die „großen Einsamen“ stehen, die ihre Verbindung zu sich, zu anderen und zur Welt in Überdauerndes gegossen haben. Mit Worten, mit Noten, mit Materialien.

Blicken wir uns in der Gegenwart um, dann sind es Namen wie Klaus-Maria Brandauer, Patrick Süßkind, André Heller, Peter Handke oder Sten Nadolny, von denen bekannt ist, dass sie mehr oder minder lange in Gesellschaft vollkommener Einsamkeit sind. Was wäre jegliche Kunst ohne den sich aus vielen Quellen speisenden existentiellen Schmerz als mächtiger Impuls.

Sind Frauen anders einsam? Oder ist das Bild der Öffentlichkeit von einsamen Frauen ein anderes? Es scheint, als seien Namen berühmter einsamer Frauen weniger schnell notiert. Viginia Woolf, Sylvia Plath, Ingeborg Bachmann, Marlen Haushofer, Whitney Houston … Eine „bekennende Einsame“ unserer Zeit ist die in München lebende Psychologin, Autorin und Malerin Mariela Sartorius, die in einem Buch die Einsamkeit als hohe Schule und luxuriöses Lebensgefühl bezeichnet hat – und sich damit das Unverständnis der einen oder anderen Literaturkritikerin zugezogen hat.

Tiefes Inkontakt-Kommen

„Ich habe nie eine Gesellschaft gefunden, die so gesellig war wie die Einsamkeit,“ ist hingegen von Henry David Thoreau (1817-1862) überliefert, amerikanischer Philosoph, Naturalist, Schriftsteller und Mystiker. Und in einem Gespräch mit Der Spiegel hat der Regisseur Jean-Luc Godard („Außer Atem“) 2014 gesagt: „Die Einsamkeit ist keine Abgeschiedenheit. Denn in der Einsamkeit ist man immer mit dem anderen zusammen, mit dem, der da ist, oder mit dem, der nicht da ist.“

Vielleicht ist es so: Das der Einsamkeit innewohnende Potenzial des Entdeckens im Sinne von Gewahrwerden, Erblicken, Enträtseln, Dahinterkommen, Destillieren braucht Eigenschaften. Bei aller individuellen Verschiedenheit ist ein tiefes Inkontakt-Kommen zu sich und „den Dingen des Lebens“ vielleicht eine alle verbindende Eigenschaft – ein schmerzhafter Prozess der Transformation, den man aushalten können/wollen muss, will man gesund bleiben oder werden und über sich hinauswachsen. Weil es letztlich nicht anders funktioniert. Eine mit Einsamkeit untrennbar verbundene Abgeschiedenheit gehört zum Leben und Schaffen eines Künstlers wie der Tod.

Künstler. Lebenskünstler? Überlebenskünstler? Künstler. Jene Menschen, die hoch kreativ und entsprechend sensibel versuchen, das – ihr – Leben zu gestalten und eine Antwort auf die Frage zu finden, warum sie sind, wie sie sind. Mit Gaben und Mitteln, die nicht zwangsläufig an narzisstische Attitüden, an Marktwerte und die allgegenwärtigen Mechanismen der Aufmerksamkeits-
ökonomie gebunden sind. Und die daran gegebenenfalls auch zugrunde gehen.

Es gibt keine einfachen Antworten.

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