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Eines Tages kaufte ich weiße Karteikarten, einen Klebestift und fing an, im Zug mit der Nagelschere aus der Zeitung ein Schwarzweiß-Bild und Wörter auszuschneiden. Auf eine Karte klebte ich dann das Bild und ein paar Wörter: DAS STÖRRISCHE WORT ALSO, oder WENN ES EINEN ORT WIRKLICH GIBT STREIFT ER DAS VERLANGEN, oder DIE TASCHENDIEBIN DIE BIN ICH. Ich war verblüfft, weil einzelne Wörter eine ganze Geschichte erzählen … Überhaupt ist diese Arbeit sinnlich. Und sie ähnelt in vielem dem wirklichen Leben: der Zufall, durch den sich die Wörter treffen…“

Mit diesem und noch mehr Text führt die Stiftung Schloss Neuhardenberg in eine Ausstellung mit dem Titel Zeit ist ein spitzer Kreis ein.1 Anlass ist der 65. Geburtstag am 17. August 2o18 von Herta Müller, Nobelpreisträgerin für Literatur 2oo9. Seit den 198oer Jahren widmet die Schriftstellerin sich in Wort-Bildern der „bezwingenden Macht, die Wörter haben können, die schrecklichen wie die schönen.“ Müller mag ihren „inneren Zirkus“.2

Ich mag den auch und habe 2o15, inspiriert von Müllers poetischen Collagen und im Sinne einer Wortwalterin, eine eigene, jederzeit erweiterbare Wortgemäldegalerie eröffnet, die seither fester Bestandteil meiner Arbeit ist.3

Weil: In bizarren Zeiten wie diesen können magische Wort-Bilder eine Art Schutzraum bieten – vor brutal kontrastierenden Momentaufnahmen von Kriegen, Klimakatastrophen, Kapitalverbrechen, Raubtierkapitalismus, Islamterrorismus, Nachhaltigkeitsignoranz, Politikversagen, Qualitätsjournalismus-Bankrotterklärungen. Als Erinnerung an eine gefühlt fast vergangene heile Welt können sie ein Kraftfeld sein, aus dem heraus wir uns intensiv, bestenfalls kurativ gegen eine sich immer mal wieder Bahn brechende Ohnmacht stemmen, das Leben nicht länger mit jener einigermaßen beruhigenden Zuversicht gestalten und planen zu können, dass alles irgendwie gut wird. Die Zukunft, you know. Die nächsten zehn, zwanzig, dreißig Jahre. Das zweite oder dritte Lebensdrittel.

Das neuronale Fotoarchiv kann Fulminantes bereithalten: grandiose Gegenden, unvergessliche Begegnungen, abenteuerliche Routen, die Dinge des Lebens, bitter und süß. Jedes der Bilder ist eine Reverenz. Und es birgt Worte, gesagte und ungesagte. Silbenschöpfungen, Assoziationsgebilde, zu denen das Gehirn große und kleine Geschichten zu kreieren vermag. Phantasiereisen, die die Macht haben, uns in die Wunderländer einer Alice Pleasance Liddell, einer Mary Poppins, eines Pan Tau davonzutragen – oder in eigene neue Welten vordringen zu lassen, in denen wir alles sein können: Zaubermaus, Intelligenzbestie, Honigsauger. Oder einfach nur still. Dann kann es passieren, dass Bilder ganz von selbst kommen und sich immer weiter verdichten, bis sie worthaft werden, ein Eigenleben entfalten, in Geschichten münden. BilderParallelwelten WortGemälde. Und umgekehrt. 

Ja, diese Arbeit ist sinnlich. Eine kostbare Seelenhygiene, ein Vademecum, eine Übung für stumme Zwiesprache mit dem eigenen Kopf in einem Zustand, den die einen Flow nennen, die anderen Dào, „Bewegung und Wandlung durch offenes, waches Nichtstun“, um eine Übersetzung für ein uraltes Prinzip zu versuchen, das als nicht übersetzbar gilt.

Danke, Herta Müller, für den Impuls.

 

 

 

 

1 Schloss Neuhardenberg: Zeit ist ein spitzer Kreis. 16 SEP 2o18 – 2 DEZ 2o18

2 Herta Müller, Jo Lendle (Hrsg.): Es gibt Wörter, die machen mit mir, was sie wollen. Akzente 3/2015. Hanser Verlag

3 WortGemälde BilderParallelwelten: SevondaVita Prævention | Gesund bleiben.Gesund führen.Gesund kommunizieren. 15 NOV 2o15

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