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Neunter März Zweitausenddreizehn. Ein Sonnabendnachmittag auf dem Sofa. Große Tasse, dicke Socken, noch dickeres Buch. Wohlbehagen bis unter die Zimmerdecke. Dazu: Aznavour. The Collection. Volume 2. Zijn grootste Successen. Alles noch gut lesbar, das vergilbte Booklet trotzt der zerkratzten CD-Plastikhülle. Nun ja, ist von 1988, das gute Stück, so in der Art hab ich auch noch was von Adamo. Was macht eigentlich … nein, nicht jetzt.

She maybe the face I can´t forget … Es schneite schon den ganzen Tag, leise rieselnde Flöckchen. Vorm fast bodentiefen Fenster hatte sich das Panorama in ein kleines Wintermärchen verwandelt: Die nackten Linden, der Teich, die Trauerweiden vor der backsteinernen neugotischen Kirche und zwei dahinter aufragende Hochhaustürme muteten an wie Central Park für Arme. Der Blick aus diesem Fenster ist zu jeder Jahreszeit besonders. Jetzt, da in die dunstig-feuchte Stille ein Dampfer glitt, der auf seiner Alstertour auch hier vorbeikommt, war er besonders besonders … no one´s in the street …

Entspannter Blick ins weiße Wetter …Yesterday when I was young …, forschender Blick nach innen. 15 Uhr 57, Lied 9, vertonte Bilanz. Es war das nicht das erste Mal, dass ich dieses Stück Wehmut hörte, aber es war … only now I see how the years had run away … das erste Mal, das ich es auch fühlte: Gestern, als ich noch jung war. Weißt Du noch. Früher. Der Dampfer dampfte wie eine Friedenspfeife, weißer Rauch, wo sonst Möwen kreisen; die Schwäne noch im Winterquartier.

 

 

So ist das also. Die Wahrnehmung dehnte sich aus, wurde zum Gedanken. Ich sah mir beim Destillieren zu: So geht Zäsur. Knacks hat Roger Willemsen den Riss, Sprung, Bruch in oder durch etwas oder jemanden genannt: „Der Knacks ereilt Helden und Verlierer, Paare und Einzelgänger, der Knacks ereilt uns beim Gang durch die Zeit: Wann wurde man nicht, was man hätte sein können?“ … Me me and nothing else at all … 

Und weiter: Ist das ein Abschiednehmen? Wovon, von wem oder was? Im Jahr zwei nach dem Adieu von jener Mutter, die mich immer und immer bloß geliebt hat, bedingungslos, konnte nichts Vergleichbares stattfinden. Ich weiß noch genau, wie dieses Ziehen im hinteren Gaumen sich mit dem bittersüßen Schmerz verband, niemandes Kind mehr zu sein. Melancholie der Gegenwärtigkeit. Bye bye Jugend.

Diesem Momentum zugehörig war, klar, der Kassensturz. Erinnerungen, die man so schnell vergisst; Erfahrungsorte, die sentimental stimmen; Menschen mit und ohne Knacks; das Lebensthema Finden. Sinn finden, Worte finden, einen Blick, das Ende des Tunnels, einen großen Moment für die Seele. Das Ganze hoch selektiv, nicht zwanghaft, einem intuitiven Rhythmus für den richtigen Zeitpunkt folgend.

Das Alsterboot rutschte aus der Szene, Aznavour war inzwischen beim vorletzten Lied 15,
I will warm your heart. Mein Herz war schon ganz warm, denn natürlich ist auch die Zukunft voll von Bildern, die eingebunden gehören: in Gedankenzimmer, Schlaf, Träume, den Himmel, in Liebesnächte, Strandhäuser, Klangkörper, Sinneswechsel, Gänsehaut, Winter-Frühlings-Herbst-Sommerfrischen, Wunderkammern – das Album hört nie auf. Und wenn man will: das Jüngerwerden auch nicht.

Rückblickend kann ich sagen: Ein erhellender Nachmittag war das. Und doch fühlt es sich beim Gang durch die Zeit erst heute so an, als hätte das Beste gerade begonnen. Angesichts dessen, das die Welt zerbricht, ein Anachronismus, gewiss. Jedoch kann in meinem Mikrokosmos der eine oder andere Riss nun als goldene Narbe leuchten. Wie erleichternd, noch ein Grund für Dankbarkeit. Das Alter, das Alter ist ein bunter Falter.

Am 1. Oktober 2o18 ist Charles Aznavour aus der Zeit gegangen. Er hatte noch so viel Musik in sich. There are so many songs in me. 

 

 

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