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Medizinische Forschung ist ein hohes Gut, da sie unmittelbaren Einfluss auf die Behandlung von Patienten hat. Ungehemmt und immer häufiger nehmen allerdings Interessengruppen auf Wissenschaftler und seriöse Journale Einfluss, um unliebsame Veröffentlichungen zurückzuhalten. Das ist aber nur ein Aspekt in einer langen Liste von Fehlentwicklungen im Wissenschaftsbetrieb. Ein anderer: Belohnungssysteme schon an den Universitäten, die alles fördern, nur keine Ethik.

 

Pablo Picasso: Vanité. 1946. Lyon

 

Es gibt eine Ethik des Genug. Dieser Satz der Theologin Margot Käßmann zur absurden Erschließung neuer Planeten als Lebensraum drängt sich auch beim Blick auf die medizinische Forschung auf. Hier rücken dieser Tage neue Spielarten eines längst bekannten Phänomens in den Fokus, das inzwischen auch den Journalismus erreicht hat: Fake News, schlimmer noch: #fakescience. Soll analog heißen: Immer stärker wird das Wissen aus der seriösen Wissenschaft in die Praxis von wertloser Forschung und Pseudowissen durchdrungen – über sogenannte Predatory Journals, Fake Kongresse und durch Einflussnahmen von ökonomisch fixierten Lobbygruppen (erkennen Sie den Pleonasmus?).

Was hat die Wissenschaftswelt mit “Raub-Verlagen” zu tun?, fragte beispielsweise Prof. Harald Lesch in der ZDF-Sendung Terra X im Juli dieses Jahres. Und Jeffrey Beall, Bibliothekswissenschaftler der University of Colorado, hat eine Liste vieler dieser Predatory Journals erstellt. “Diese Journals nehmen gegen Geld alles an, was sie in die Finger bekommen, mit unterirdischer, also keiner Qualitätskontrolle”, schreibt dazu die Direktorin des Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation, Beatrice Lugger, auf Merton, dem Online-Magazin des Stifterverbandes für Bildung, Wissenschaft, Innovation. Und: “Beall führt die Liste wegen Drucks von Außen seit Januar 2017 nicht mehr fort.”

Auf ihrer Delegiertenkonferenz am 10. November 2018 analysierten nun die Mitgliedsgesellschaften der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V. (AWMF) die Ursachen dieser Entwicklungen und diskutierten Gegenmaßnahmen.

“Eine wesentliche Grundlage für wirksame Diagnose- und Behandlungsverfahren ist seriöse medizinische Forschung”, sagte Prof. Dr. med. Rolf Kreienberg, Präsident der AWMF. Diese bilde sich unter anderem in den systematischen Übersichtsarbeiten der Cochrane Collaboration und in medizinischen Leitlinien ab, die von den 180 in der AWMF zusammengeschlossenen Fachgesellschaften entwickelt und verbreitet werden.

“Demgegenüber breiten sich unseriöse Informationen ungehemmt aus. Die rasante Zunahme von pseudowissenschaftlichen Journalen und Fachtagungen sowie die zunehmende Einflussnahme von Lobbygruppen auf systematische Übersichtsarbeiten und Leitlinien sind aber nur Symptome – die Ursachen dafür liegen tiefer”, so Kreienberg.

Masse statt Klasse. Wettrennen statt Wahrheitssuche.
Noch eine Veröffentlichung im Lebenslauf 

Als wichtige Gründe für die Fehlentwicklung nannte Professor Dr. rer. nat. Gerd Antes, ehemaliger Direktor von Cochrane Deutschland, falsche Belohnungssysteme, die nicht nur durch Fremdeinflüsse befeuert würden, sondern auch durch die Erosion eigener Ansprüche an die medizinische Wissenschaft. Antes, der diese Entwicklung seit Jahren kritisch beobachtet, machte ein Kernproblem aus: “Masse zählt anstatt Klasse.”

Symptomatisch dafür seien Vielfachveröffentlichungen von Studien. Als mitverantwortlich sah Antes fragwürdige Anreizmechanismen an den Universitäten. Statt langer Listen mit Veröffentlichungen, die für die Karriere von Wissenschaftlern beispielsweise im Rahmen von Habilitationsverfahren ausschlaggebend sind, sollten nur Publikationen berücksichtigt werden, die für eine bessere Patientenversorgung relevant sind. 

Antes forderte auch ein Umdenken bei der leistungsorientierten Mittelvergabe an Universitäten. Besonders der Journal Impact Factor, eine Zahl, die darüber Auskunft gibt, wie oft Artikel einer bestimmten Zeitschrift in anderen Publikationen zitiert worden sind, habe mit dafür gesorgt, dass vor allem die Menge zähle.

Dass vor allem Geld zählt, zeigt sich bei Projekten, die im Interesse der Pharmaindustrie direkt oder indirekt gefördert werden. Denn die „zunehmende Einflussnahme von Lobbygruppen“ bezeichnet auch jenen Teil der Wissenschaft, in der die Pharmaindustrie eigene Studien erstellen lässt und sich dafür Experten kauft. Wegen zahlreicher Fälle von Wissenschaftsbetrug, Datenunterdrückung und Ergebnisfälschungen sind entsprechende Akteure einschlägig vorbestraft. Professor Peter C. Gøtzsche, dänischer Medizinforscher und ehemaliger Leiter des nordischen Cochrane Centers in Kopenhagen, hat in seinem Buch Deadly Medicines and Organised Crime (2o13) die großen Pharmakonzerne mit Netzwerken der organisierten Kriminalität verglichen.

Wirtschaftliche Interessen von Verlagen 

Eine weitere Ursache sind wirtschaftliche Interessen von Verlagen und Zeitschriften. Prof. Dr. med. Christoph Herrmann-Lingen, Leiter der ständigen AWMF-Kommission Leistungsevaluation in Forschung und Lehre, stellte fest: „Leider wird das Open Access-Verfahren, das die freie Verfügbarkeit wissenschaftlicher Publikationen sicherstellen soll, durch Predatory Journals unterwandert, die sich dadurch finanzieren, dass Autoren für ihre Veröffentlichung bezahlen. Die notwendige Qualitätssicherung in Form von Peer Reviews wird nicht gewährleistet.“

Als Gegenmaßnahme sollten Autoren sich an Positivlisten seriöser Open Access-Journale orientieren, wie sie vom Directory of Open Access Journals und von der AWMF geführt werden, oder die in ausgewählten Datenbanken des Web of Science gelistet sind.*

Prof. Dr. med. Ina Kopp, Leiterin des AWMF-Instituts für Medizinisches Wissensmanagement, zeigte eine andere Facette des Problems auf: „Fünfzig Prozent aller randomisierten klinischen Studien werden niemals publiziert, unerwünschte Studienergebnisse gelangen nicht an die Öffentlichkeit.“

Deshalb sollten alle Studien vor Studienbeginn offiziell registriert und die Veröffentlichung aller Ergebnisse verpflichtend sein, forderte Kopp. Beides ist in Deutschland bislang gesetzlich nicht oder nur eingeschränkt vorgeschrieben. Doch nur so ist eine Qualitätssicherung möglich. In Deutschland ist für die Durchsetzung dieser Forderung der Gesetzgeber gefragt. Unerlässlich dafür sind verlässliche Studienregister wie das Deutsche Register Klinischer Studien (DRKS) in Freiburg.

Negative Studienergebnisse unerwünscht

Hinzu kommt, dass ein offener, kontroverser Austausch über Studienergebnisse nicht immer möglich ist. Prof. Herrmann-Lingen stellte dazu fest: „Mit Sorge beobachten wir, dass Interessengruppen auf Autoren und seriöse Publikationsorgane Einfluss nehmen, um unliebsame Veröffentlichungen zurückzuhalten. Damit ist die Freiheit der Forschung in Gefahr. Diskussionen über kontroverse medizinische Studienergebnisse sind notwendig, müssen sachorientiert geführt und veröffentlicht werden“, forderte Herrmann-Lingen.

Autoren wiederum nehmen auf ein ebenso interessiertes wie manipulierbares Publikum Einfluss, indem sie auf Kongressen, Vorträgen und Pressekonferenzen ihr bezahltes Wissen weitergeben.

Als Vertreterin der wissenschaftlichen Medizin in Deutschland sprach sich die AWMF für den Erhalt einer ethisch reflektierten Forschungskultur aus, die anerkannten wissenschaftlichen Standards in der Gewinnung und Publikation wissenschaftlicher Erkenntnisse verpflichtet ist – zum Wohl der Patienten. Forscher, medizinische Fakultäten, medizinische Verlage und die Bundesregierung sind aufgefordert, Maßnahmen gegen Fehlsteuerungen zu ergreifen.

Fazit: Unseriöse medizinische Wissenschaft verhält sich zur Mainstreampresse wie bezahlte Studienautoren zu PR-Schreiberlingen, Content-Marketing-Lieferanten und Verschwörungstheoretikern. Im ersten Fall sind Patienten in Gefahr, im zweiten Leser.

 

Literatur


* Directory of open Access Journals. https://doaj.org/ 

*AWMF-Kommission Leistungsevaluation in Forschung und Lehre. https://www.awmf.org/forschung-lehre/komm-evaluation-von-fl/leistungsevaluation-forschung/bibliometrie/fachzeitschriften.html

*Science Citation Index Expanded (SCIE)
http://mjl.clarivate.com/cgi-bin/jrnlst/jloptions.cgi?PC=D
Social Sciences Citation Index (SSCI)
http://mjl.clarivate.com/cgi-bin/jrnlst/jlresults.cgi?PC=ss

AWMF: Fehlentwicklung im Wissenschaftssystem bedroht Qualität und Freiheit der medizinischen Forschung, Pressemitteilung vom 15.11.2018

AWMF: Bessere Studien für bessere Medizin, Pressemitteilung vom 09.05.2016

All Trials Initiative: Half of European clinical trials haven’t reported results. http://www.alltrials.net/news/eu-ctr/

Brunner E, Herrmann-Lingen C: Bibliometrie in der Medizin – die Position der AWMF. Bibliometrie – Praxis und Forschung, Band 1, 2o12. DOI: http://dx.doi.org/10.5283/bpf.155

Wodarg W: Käufliche Wissenschaft, UGB-Forum 2/14, S. 65-67

 

Anmerkung zum Titel


Die Autorin hat, dem Trend im Journalismus folgend, einen „W“-Titel gewählt. Wie, Wenn, Was, Warum … gehen neuerdings immer und überall, sonst clickt ja keiner mehr. Dieser Stil, einst nur der Yellow-Press und ihrer Leserschaft vorbehalten, hat inzwischen den Weg in den Mainstream gefunden, auch in den qualitativ höherwertigen. Kommt noch „Das sind“ hinzu. Ist zwar kein W drin, bringt aber „Response“. Und das ist nun mal der Götze des Journalismus 4.o: Response.

Für diese allenthalben zu beobachtende Reduktion aufs intellektuelle Minimum hat ein namentlich bekannter Schreibkamerad alter Journalistenschule das Bild vom Weißmehl-Journalismus kreiert: Der ist sustanzlos, bläht den Bauch, macht Pups, nicht satt. Die “Ethik des Genug”, die er früher im Sinne eines „Reduce to the Max“ erlebte, meint heute das Gegenteil: die Perversion der Maßlosigkeit.

 

 

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