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Die Steinkäuze vom Seddiner See

 

Wider des schrägen Images: Verbände und Politik haben das öffentlichkeits-wirksame ökologische Potenzial des Golfsports entdeckt und beginnen, kräftig auf dieser Klaviatur zu klimpern. Jedes Engagement ist ein Gewinn im Sinne der Sache
„Der Golfplatz lebt!“

 

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt: In Zeiten von Getöse um Greta, Klima-Kontroversen und der Wirkmacht des Nachhaltigkeitsnarrativs – inklusive Gipfelsturm der Grünen – fährt der Zug, und allenthalben springt jemand auf. Damit es keine Missverständnisse gibt: All das ist gut und richtig und bitter nötig, es bedarf jedweden Weckrufs, denn eine Menge läuft schief – nicht bloß in Sachen Umwelt.

Und jeder, der sich engagiert und aktiv wird, ist ein Gewinn im Sinne der Sache. Golfanlagen mit ihrem Potenzial an ungenutzten, weil für Sicherheitsbereiche notwendigen Flächen sind ohnehin prädestiniert; Ökologie neben Gesundheit wohl der Aspekt, mit dem Golf trotz seines immer noch weitverbreitet schrägen Images in der Öffentlichkeit punkten und positive Resonanz generieren kann. Ganz ehrlich, es wird aber auch Zeit.

Pilotprojekt „Lebensraum Golfplatz – Wir fördern Artenvielfalt“     

In Baden-Württemberg übt der dortige Golf-Landesverband (BWGV) gerade den Schulterschluss mit der Politik; BWGV, Deutscher Golf-Verband (DGV) und das Stuttgarter Umweltministerium haben sich für das Pilotprojekt „Lebensraum Golfplatz – Wir fördern Artenvielfalt“ zusammengetan, wollen weitere und besser Flächen für die Naturentfaltung entstehen lassen. „Golfer sind Naturschützer“, bemüht Otto Leibfritz, Präsident des baden-württembergischen Golfverbands, in diesem Zusammenhang eine bereits vielzitierte Sentenz.

Und alle stimmen in den Kanon ein. Thomas Graner, Vizepräsident des Bundesamts für Naturschutz spricht von einer „natürlichen Verbindung“ zwischen dem Rasensport und dem Naturschutz, der Beitrag von Golfanlagen seien beileibe keine „Peanuts“. Martin Klatt, Referent für Arten- und Biotopschutz beim NaBu Baden-Württemberg, sagt: „Golfplätze sind flächenmäßig ja nicht gerade Briefmarken. Es können tolle Sachen entstehen, wenn man es will, zulässt und fördert.“ So als Zitate der „Stuttgarter Zeitung“ entnommen, aus dem Bericht über die Kick-off-Veranstaltung in Ludwigsburg, offiziell als 1. Umweltsymposium des BWGV einberaumt.

30 Baden-Württembergische Golfverbände haben nach dem Symposium die entsprechende Absichtserklärung gegeben und dürfen demnächst ihre Maßnahmen in Sachen „Lebensraum Golfplatz – Wir fördern Artenvielfalt“ mit „aufmerksamkeitsstarken“ (O-Ton BWGV) Schildern ausweisen. Mittelfristig soll das Projekt bundesweit umgesetzt werden, sollen auch in anderen Bundesländern die Initiativen für den Artenschutz und die Artenvielfalt koordiniert werden.

Was in Baden-Württemberg künftig per Schild dokumentiert wird, ist freilich – getreu der Devise „all business is local“ – auf zahlreichen deutschen Golfanlagen geübte und gelebte Praxis; längst haben verantwortungsbewusste und nachhaltig orientierte Betreiber aus ihren Flächen funktionierende Ökosysteme gemacht, im Idealfall als nahezu geschlossener Kreislauf.

Teichmuscheln statt maschineller Wasserfilter     

Das Ostsee Golf Resort Wittenbeck beispielsweise hat, beraten vom Golfballtaucher und Teichexperten Ralf Oestmann, maschinelle Filtersysteme abgeschafft und vertraut seine Gewässer einer Symbiose aus Teichmuscheln sowie Bitterlingen und Nasen, karpfenartige Fischen, an. Eine einzige Teichmuschel filtert pro Tag rund 150 Liter Wasser, der gesamte Bestand reinigt so täglich 45.000 Liter Wasser. Die Bitterlinge und Nasen wiederum fressen größere Schwebeteilchen wie Blätter und Algen.

Schafe fürs Rough und Wildblumen für die Bienen     

Auf den Green Eagle Golf Courses kooperieren die Hausherren Michael Blesch und Ralf Lühmann seit langem mit den regionalen Umwelt- und Naturschutzverbänden und haben die 186 Hektar große Anlage, auf deren Nord Course die Porsche European Open ihre geschätzte Heimstatt gefunden hat, konsequent auf ihre Vision von Green Eagle Nature ausgerichtet, lassen das Rough von selten gewordenen Schafen mähen, legen Wildblumenwiesen an, haben die Clubhaus-Gastronomie rigide auf Nachhaltigkeit umgestellt und fördern mit ihrem eigenen Engagement demnächst auch sonstige Initiativen im Umland. „Die Welt steht ökologisch vor dem Abgrund, und wenn nicht schon der Einzelne was für sich ändert, rutschen alle runter“, sagt Blesch dazu.

Signifikante Zunahme der Artenvielfalt

Was aus solch bewusstem Umgang mit den spielfernen Bereichen werden kann – die Spielflächen, nachhaltige Grassorten, der Umgang mit Beregnungswasser und Düngung sowie biodynamisches Greenkeeping sind noch mal ein Themenstrang für sich –, zeigt das Beispiel des Golf- und Country Club Seddiner See. Der Club hat sich seine ökologische Bedeutung unlängst sozusagen amtlich bescheinigen lassen. 2017 wurde zum zweiten Mal nach 2007/2008 ein Monitoring der Artenvielfalt beauftragt und von ausgewiesenen Experten durchgeführt. Das Ergebnis: Der Golfplatz lebt! Und zwar mehr als je zuvor. Gegenüber dem ersten Gutachten nahm die Zahl der Arten auf dem insgesamt 178 Hektar großen Areal nahe Potsdam bei der Flora mit 172 Arten um gut 30 und bei der Fauna mit 152 Arten um rund 20 Prozent zu.

Das sind nur drei von gewiss zahlreichen Beispielen; sie zeigen, wie wertvoll Golfanlagen in der zersiedelten, versiegelten und belasteten Kulturlandschaft des 21. Jahrhunderts sein können – erst recht, wenn alle an einem Strang ziehen, wenn das Modell Baden-Württemberg tatsächlich bundesweit Schule machen sollte, wenn die individuellen Bemühungen auf lokaler Ebene gebündelt, koordiniert, begleitet und gefördert werden, wenn die Absichtserklärungen nicht zum Papiertiger werden und der Amtsschimmel mehr schadet als nutzt. Jeder Schritt, jede Maßnahme, zählt. Denn es ist wirklich höchste Zeit!

 

Roughmäher

 

Zuerst erschienen auf Golfpost, 8.DEZ 2o19