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Wie umgehen mit den Herausforderungen dieser Zeit? Manche lernen etwas, manche nicht. Eine Blitzumfrage der International School of Management in Dortmund legt nahe, dass viele Menschen in und an der Krise reifen. Klingt gut.

 

Die Welt ist kaum noch wiederzuerkennen. Es sind Bilder von hoher Dynamik und historischer Dimension, die vom Virus SARS-CoV-2 ausgehen. Die Welt steht fast still, sie kreist um Leben und Tod. Manche Menschen erkranken schwer an Covid-19, die Zahl der Todesfälle überall auf der Erde steigt, Krankenhäuser erreichen ihre Kapazitätsgrenzen.

New York startet gerade eine Generalmobilmachung, um der Menge der Verstorbenen gerecht werden zu können. Auch hierzulande arbeiten Personen in neuerdings systemrelevanten Berufen bis über die Belastungsgrenze. Viele Unternehmen und Selbstständige sorgen sich um die wirtschaftliche Existenz.

Wie umgehen mit den Herausforderungen dieser Zeit? wollte Professor Nico Rose wissen, Wirtschaftspsychologe an der International School of Management (ISM) in Dortmund, und einer der Wegbereiter der Positiven Psychologie in Deutschland. Eine Blitzumfrage unter mehr als 1.200 Nutzern der Netzwerke Twitter, XING, LinkedIn & Co.* bestätigt dieses Bild. Die Auswertung legt aber auch nahe, dass viele Menschen im Angesicht der Herausforderungen eine Art psychisches Wachstum erfahren.

„Aktuell machen sich die Menschen deutlich mehr Sorgen als vor der Krise, sie sind weniger fröhlich und gelassen“, sagt Rose. „Das ist allerdings nur ein Blickwinkel auf die Wirklichkeit. Die Menschen bemerken, dass sie mit großen Problemen fertig werden, investieren mehr Energie in enge Beziehungen und gewinnen mehr Klarheit zur Frage, was wirklich wichtig ist im Leben.“ Die Ergebnisse der Umfrage deuten außerdem darauf hin, dass Menschen mehr Mitgefühl entwickeln und hilfsbereiter werden – ein Eindruck, der sich auch durch die enorme Welle an Solidarität in der Bevölkerung und der Wirtschaft bestätigen lässt.

„Manche Menschen mögen es als zynisch empfinden, im Angesicht von so viel Leid auch nur über positive Konsequenzen nachzudenken“, fügt der Wirtschaftspsychologe hinzu. „Andererseits ist das eine der großartigen Seiten der menschlichen Existenz: Wir können in und an Krisen wachsen. Unter den richtigen Umständen bringen sie das Beste in uns hervor – und auch das Beste zwischen den Menschen und in der Gesellschaft an sich.“

Das Phänomen soll übrigens eher die Regel als die Ausnahme sein: Etwa 70 Prozent der Personen in der Studie beobachten bei sich mindestens ein paar Anzeichen von Wachstum, lediglich bei 30 Prozent ist das aktuell nicht der Fall.

Ein Mehr an Klarheit

 

Frauen scheinen deutlich über sich hinaus zu wachsen, obwohl sie aktuell auch mehr negative und weniger positive Emotionen empfinden. Es gibt allerdings eine gravierende Ausnahme: Sie geben zu Protokoll, dass sie seit Beginn der Krise deutlich mehr Dankbarkeit spüren. Für Männer trifft dies auch zu, aber nicht im gleichen Maße. Das Empfinden von mehr Dankbarkeit wiederum ist mit weitem Abstand jener Faktor, der das Erleben von Wachstum und resilientem Verhalten am besten vorhersagt.

„Wir wissen schon länger, dass Dankbarkeit ein wichtiger Schlüssel zur Überwindung von Krisen ist“, erläutert Nico Rose. „Manche Menschen schaffen es, immer wieder ganz bewusst den Blick auf das zu richten, was ‚trotzdem gut‘ ist: die stärkenden Beziehungen im Leben, die Unterstützung, die man erhält, die kleinen und großen Herausforderungen, die man – trotz allem – kontinuierlich meistert.“ Ein solcher Blickwinkel lässt sich übrigens kultivieren. Entsprechende Konzepte sind Teil mancher Therapiekonzepte, beispielsweise in der Behandlung von Depressionen.

Das Erleben von seelischem Wachstum in der gegenwärtigen Corona-Pandemie hängt auch mit weiteren Faktoren zusammen, unter anderem einigen demographischen Aspekten: Menschen mit tendenziell höherem Einkommen und umfassenderer Bildungshistorie tendieren zu größeren Lerneffekten. Statistisch betrachtet steht der Einfluss dieser Faktoren jedoch deutlich hinter dem Kultivieren von Dankbarkeit zurück. Außerdem stellen sich die meisten psychologisches Wohlbefinden als einfaches Kontinuum vor, sprich: Manchmal geht es ihnen richtig gut, manchmal schlecht, an vielen Tagen normal gut.

Die Daten der vorliegenden Arbeit und auch früherer Untersuchungen deuten allerdings darauf hin, dass das tatsächliche Erleben vielschichtiger ist. „Man kann sich die Anwesenheit von psychischem Unwohlsein und psychischem Wohlbefinden besser als verwandte, aber unabhängige Dimensionen vorstellen – wie in einem Koordinatensystem. Menschen können folglich psychologische Einschränkungen erfahren – Stress, negative Gefühle etcetera – und gleichzeitig positive Entwicklungen verspüren, wie mehr Dankbarkeit oder ein Mehr an Klarheit“, so der Psychologe.

Diesem Wachstum in und nach Krisenzeiten wird außerhalb der Forschung meist zu wenig Beachtung geschenkt. Diesem auch nicht: „Es kann kein Zufall sein, dass viele der größten Denker der Welt ungewöhnlich viel Zeit allein in ihren Zimmern verbracht haben“, hat der Philosoph Alain de Botton gerade der Süddeutschen Zeitung gesagt. Auch dafür ist sie gut, die splendid isolation: Dem Nicht-Stillstand als Haltung eine Bewusstheit entgegensetzen und kreuz- und querdenken, reflektieren, zu sich kommen. Ganz bei sich sein.

 

„Manche Menschen schaffen es, immer wieder ganz bewusst den Blick auf das zu richten, was ‚trotzdem gut‘ ist: die stärkenden Beziehungen im Leben, die Unterstützung, die kleinen und großen Herausforderungen, die man – trotz allem – kontinuierlich meistert.“

Nico Rose

 

* Hinweise zur Interpretation der Studie

Die Ergebnisse der Studie sollten mit Vorsicht interpretiert werden. Da die Umfrage über soziale Netzwerke erfolgt ist, erreicht sie trotz der großen Stichprobe von 1200 Befragten nur einen Ausschnitt der Bevölkerung. Somit ist sie nicht repräsentativ, sondern bildet den tendenziell gut ausgebildeten und monetär stabilen Teil der deutschen Bevölkerung ab. Prof. Nico Rose: „Menschen mit unterdurchschnittlichen finanziellen Mitteln hatten unter Umständen nicht im gleichen Maß die technischen Möglichkeiten oder die Energie, die Fragen zu beantworten. Ob jene Personen auch positive Entwicklungen erfahren haben, konnte hier kaum erfasst werden.“