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Tiger Woods mit Joe LaCava und Justin Rose’s Caddie, The Masters 2o18. © Mike Rundle on Flickr

 

Er ist Führer, Philosoph und Freund.
Auch Psychologe oder zumindest Seelenmasseur, Ersatztrainer, Wind- und Landvermesser, Schlägerberater. Und immer ein wandelndes Birdie Book: Der gute Caddie.

Man nennt sie „Bag Men“, „Looper“, ganz früher auch „Beasts of Burden“: Caddies sind freilich mehr als Taschenmänner, Rundendreher oder Lasttiere. Viel mehr. Einmal im Jahr wird das öffentlich gewürdigt, wenn bei der HSBC-Champions, dem WGC-Turnier im Rahmen des Race to Dubai, der Caddie des Jahres gekürt wird. Aus bekannten Corona-Gründen wird das heuer nix.

„Ein guter Caddie“, schrieb einst Henry Longhurst, legendärer Golfjournalist der britischen Sunday Times, „ist beileibe kein reiner Assistent. Er ist Führer, Philosoph und Freund.“ Ja, und Psychologe oder zumindest Seelenmasseur, Ersatztrainer, Wind- und Landvermesser, Schlägerberater, wandelndes Birdiebook. Manchmal überdies Blitzableiter.

Wie Bubba Watsons Ted Scott, der bei PGA Championship 2014 nach einem verzogenen Abschlag seines Chefs angepflaumt wurde, er habe die Schlagfläche des Drivers nicht ordnungsgemäß trocken gewischt. Kurz darauf stellte Watson dem „Sündenbock“ als Entschuldigung zwei nagelneue Autos vor die Tür. Gareth Lord indes machte Schlagzeilen, als er sich nach den beiden Tour-Gesamtsiegen von Henrik Stenson 2013 einen Ferrari leistete.

Die Kunst, präsent im Schatten
zu stehen

 

Zehn Prozent Preisgeldanteil sind in der Branche üblich. Auf diese Weise ist Steve Williams nach insgesamt 15 Jahren und 14 Majors mit Tiger Woods und Adam Scott zum reichsten Sportler Neuseelands geworden. Williams‘ Vorgänger Mike „Fluff“ Cowan hingegen, der mit Woods 1997 in Augusta dessen erstes Major gewann, wurde 1999 wegen Schwatzhaftigkeit vom Tiger gefeuert.

Diskretion ist die erste Tugend eines Caddies. Niemand ist näher am Spieler, keiner erlebt dessen positive oder negative Befindlichkeiten derart direkt. Ein guter Caddie weiß, wann er sich einmischen darf, wann er beeinflussen kann, wann er schweigen muss. Und er beherrscht die Kunst, stets präsent zu sein und dennoch im Schatten zu stehen.

„Großartige Erziehung“

 

So kann der „Looper“ fast zum Familienmitglied werden, wie Jim „Bones“ Mackay bei den Mickelsons zum Beispiel. Oder zum wirklich engen Freund, wie im Fall von Tom Watson und Bruce Edwards, der 2004 an ALS starb und vom achtfachen Majorsieger bis heute in höchsten Ehren gehalten wird.

Ein Caddie-Werdegang ist offenbar sogar charakterbildend. Sagt jedenfalls Filmstar Bill Murray, der beim Golfen gerne den Scherzkeks gibt, seine Jugendzeiten als Caddie ab dem zehnten Lebensjahr jedoch als „großartige Erziehung“ preist: „Die langen Tage auf dem Platz haben mich Arbeitsmoral, Sozialverhalten und Respekt gelehrt.“

Der Begriff Caddie stammt übrigens vom französische „Cadet“. Maria Stuart hatte ihn 1561 bei der Rückkehr aus dem Exil in Frankreich nach Schottland importiert; am Hof zu Fontainebleau hatten Militärkadetten den Adeligen bei golfähnlichen Spielen die Schläger hinterher getragen.

15 Schläger und
eingeschlossene Schuhe

 

Von den Tücken des Schlägertragens konnte Miles Byrne noch 440 Jahre später ein besonderes Lied singen. Bei der Open Championship in Royal Lytham & St Annes 2001 stopfte er seinem Chef Ian Woosnam nämlich auf der Driving Range versehentlich einen Test-Driver ins Bag.

Nachdem „Woosie“ den Finalsonntag mit einem Birdie eröffnet und sich dadurch in die geteilte Führung gespielt hatte, musste Byrne dem Waliser am zweiten Tee gestehen: „Wir haben 15 Schläger dabei.“ Die dafür fälligen zwei Strafschläge kosteten Woosnam vermutlich den ersehnten Claret Jug.

Zwei Wochen später wurde Byrne endgültig gefeuert. Er verpennte die Startzeit beim Scandinavian Masters, hatte aber alle Schlüssel bei sich. Damit war das Maß voll: Woosnam musste sogar den Spind in der Umkleide aufbrechen lassen, um an seine Golfschuhe zu kommen.

Treuer Fritz

 

Noch mal zu Woods, genauer: zu dessen Longtime-Caddie seit nun fast zehn Jahren. Wissen Sie, was ein „treuer Fritz“ ist? So eine Art mobiler Haken, der sich an Tischen oder Regalen anbringen lässt, um Taschen, Bekleidung und sonstigen Kram aufzuhängen. Gibt´s in Buche-Multiplex ab acht Euro. Joe LaCava ist ebenfalls ein treuer Fritz. In doppelter Hinsicht, nicht nur, weil Tiger Woods seine Golftasche bei dem Mann aus Connecticut aufhängt.

Der Mitte Fünfzigjährige hat er seinen Job im September 2011 nicht zuletzt deshalb ergattert, weil Woods seinen Looper Steve Williams feuerte, als der Neuseeländer während einer Verletzungspause des Chefs mit der Tasche von Adam Scott „fremd ging“. Damals sprach er eigeninitiativ bei Woods und dessen Manager Mark Steinberg vor und verließ Dustin Johnson am Finalsonntag der Tour Championship wegen des Tigers.

Dann wartetete er, bis Woods nach seinen vielen Verletzungen 2o18 zurück war, golfte in der vielen Freizeit mit den beiden halbwüchsigen Kindern, strich das Haus in Southbury, reparierte den Abfluss, ging seiner Frau Megan auf die Nerven. Was man halt so macht, wenn „Kurzarbeit“ anberaumt ist.

Wie die Zeiten sich ähneln, auch jetzt hat sein Chef innegehalten, wenngleich Corona-bedingt und bei bester Gesundheit. Am 16. Juli 2o2o ist auch die Zeit wieder vorbei, Woods betritt die Bühne beim Memorial Tournament in Muirfield in Dublin/Ohio; der 44-Jährige ist der Megastar in einem Weltklassefeld.

Finanziell konnte und kann LaCava sich solche Auszeiten vermutlich leisten. Er ist seit 30 Jahren im Geschäft, war an der Seite von Fred Couples, als der ebenfalls stets rückengeplagte “Boom Boom Freddy” 1992 das Masters gewann, kassierte beim “Barclays”-Sieg von Dustin Johnson und vor allem bei neun Turniererfolgen mit Tiger Woods einen ordentlichen Happen vom Preisgeld. Überdies dürfte sich der Tiger die Treue seines Bag Man einiges kosten lassen.

Über Geld freilich spricht LaCava nicht. “Ich verstehe solche Fragen, sage jedoch nur: Tiger hat mich vom ersten Tag an gut behandelt und ist nach wie vor sehr großzügig.” Stattdessen erzählt er lieber Dönekes aus vergangenen Zeiten wie der Herrenrunde mit Woods und etlichen Kumpels zum Football-Match der New York Giants gegen die Miami Dolphins oder von der rauschenden Party zu Tigers 40. Geburtstag vor fünf Jahren.

Frauenquote 

 

Andere tun inzwischen was für die Frauenquote. Lee Westwood beispielsweise war letzten Sommer in Portrush mit Freundin Helen Storey am Bag unterwegs – ihr erstes Major als Looper. Über deren Caddie-Qualitäten sagte der 46-Jährige: „Sie hat vielleicht nicht so viel Ahnung von Golf, aber sie weiß eine Menge darüber, wie ich ticke, hält mich mental gut im Rahmen und hilft mir, mich auf die richtigen Dinge zur richtigen Zeit zu fokussieren. Es läuft richtig gut.“

Und das, obwohl „Westy“ seine Herzdame auf dem Platz keineswegs schonte: „Mein Bag ist um keinen Deut leichter, nur weil sie es tragen muss. Da ist alles drin, was man bei diesem Wetter braucht; es ist voll bepackt.“ 

 

Dream Team: Der Autor (rechts) war Caddie für einen Tag von Costantino Rocca auf der European Senior Tour 2o15. © adsw 2o15